Deutschlands oberster Fluthelfer war am Sonntag im Hochwassergebiet. Und es musste ja so kommen, dass Joachim Gauck da in Meißen und Halle (Saale) steht und von Tugenden spricht. "Die Deutschen sind solidarisch", sagte der Bundespräsident. Überall erlebe er "gefasste Flutopfer" und "total motivierte Helfer". Und übrigens: "Wir schaffen das." Am Straßenrand erspähte Gauck eine Oma, die zu ihm aufsah. Und gleich sprach er mit ihr in diesem, seinem Weihnachtsansprachen-Optimismus: "Sie sehen nicht so aus, als wären Sie entmutigt!"

Aber, Moment mal, war Joachim Gauck da nicht ein bisschen naiv? Die Menschen im Osten sind den Fluten ausgeliefert, und er redet nur von der Zuversicht! Als wären die Bürger so etwas wie Gladiatoren, Gladiatoren dieser Katastrophe.

Oder sind sie das etwa?

Und schon denkt man an all die Sandsackträger und Deichbeschützer und Schlammbezwinger; an all die Menschen in kurzen Hosen – oder auch in der Bundeswehr-Uniform. Schon denkt man an die Abertausenden, die sagten und sagen: Ja, wir bewältigen diese Flut! Ob Gauck also nicht doch recht hat? Mit der These vom Aufstand der Jungen und Alten gegen das Hochwasser 2013.

Gewiss ist es eine Spezialität des Ostens, dass die Aufarbeitung dieser Katastrophe längst schon begonnen hat. An vielen Orten steht noch das Wasser, aber die Flut wird bereits historisiert. Die Ostdeutschen, das ist wohl einfach so, sind ein Volk der Aufarbeitungserprobten. Aufarbeitung, das kann man hier. Sie ist ein guter Brauch.

Die Aufarbeitung, sie hat mehrere Seiten, die eine ist die Frage nach den praktischen Lehren aus dem Desaster – darüber wird gleich zu sprechen sein. Die andere Seite ist die des Gefühls, und da begann die Historisierung wohl mit Joachim Gauck: Denn sein Besuch war kein Kriseneinsatz eines normalen Politikers. Kein Auftritt eines Mannes, der entscheidet, wie viel Geld fließt und wohin. Als die Bundeskanzlerin ins Flutgebiet flog, da ging es nicht zuletzt auch um Wahlkampf; ums Sehen – und vor allem ums Gesehenwerden. Die Kanzlerin war sorgenschwer und wahlkampfsolidarisch. Bei Gauck aber, dessen Amt das Symbol ist, dem Gründungschef der Stasi-Unterlagenbehörde, merkte man: der ist aufarbeitungskühn.

Und liegt damit sehr richtig. Eine Kindergärtnerin in Halle sagte: "Es ist uns ein großer Trost, dass der Bundespräsident hier ist. Denn das braucht man genauso wie Geld."

Das Herz, das ist wichtig, dieses "Wir bezwingen die Flut", und darüber sollte man sprechen. Zum Beispiel mit Friedrich Schorlemmer, dem Theologen und Intellektuellen des Ostens, denn er kennt ja seine Leute. Vor allem ist Schorlemmer, 70 Jahre alt, ein Mann der Elbe: Geboren in Wittenberge – recht weit im Norden an diesem Fluss –, wuchs er ein Stückchen weiter südlich auf, in Werben in der Altmark, wo die Pegel zuletzt bedrohlich stiegen. Heute lebt Schorlemmer in Wittenberg. Herr Schorlemmer, gibt es den ostdeutschen Krisen-Mut?

Aber ja!, sagt er da. "Es gibt zwei gegenläufige Empfindungen. Die eine ist, dass Leute bedrückt sind. Selbst jene, die nicht vom Wasser betroffen sind, können ja nicht richtig glücklich sein. Aber andererseits...", sagt er.

Ja, andererseits?

"Schauen Sie doch nur einmal, wie viele Leute sich den Fluten stellen! Wie viele Leute fragen: Kann mein einzelner Sack vielleicht doch helfen? Oder: Kann ich alter Sack vielleicht auch helfen? Diese Hilfe hier ist kein Happening, kein Kraft-durch-Freude-Einsatz! Nein, an jeder Ecke spürt man: Das ist etwas unglaublich Erwachsenes."

Wie ist der Osten so erwachsen geworden, durch die Umbrüche von früher? "Ich glaube, es ist die Mentalität derer, die schon so viel erlebt haben", sagt Schorlemmer. Wo Krise geübt ist, geht man vielleicht auch mit Katastrophen gelassener um.

Zumal nach den Erlebnissen von 2002. Schon damals sprach man von "Jahrhundertflut". Aber 2002, 2006, 2011, 2013, das sind die Jahreszahlen der letzten größeren Hochwasserwellen, die den Osten trafen. Nur Zufall?

Wie sehr es doch um menschliche Urfragen geht in diesen Tagen des Wassers und des Schlamms. Man grübelt: Kommen solche Unwetter jetzt öfter? Zumindest, sagt Hans Joachim Schellnhuber, einer der wichtigsten deutschen Klimaforscher, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, zumindest sei der Klimawandel ein "interessanter Verdächtiger" in den Ermittlungen um diese Flut.

Die wichtigste aller Aufarbeitungsfragen ist deshalb natürlich diese: Wenn solch Verheerendes nun häufiger vorkommt, als wir das zuletzt noch glaubten, was soll man dann daraus lernen? Müssen wir noch viel mehr mauern, Schutzwände bauen – überall dort, wo jetzt, im Juni 2013, das Wasser hindringen konnte?

Das wäre fatal, sagen manche Ökologen, eine irgendwie bizarre Strategie: Flüsse, die auch deshalb überfließen, weil man sie in zu schmale Betten quetscht, noch weiter einzuengen. Ökologischer Hochwasserschutz, das heißt, dem Wasser Platz zu machen, Deiche rückzuverlegen. Dorthin zurückzuweichen, wo die Menschen vor der Industrialisierung lebten. Überschwemmungsflächen schaffen; eben Platz für Elbe und Mulde und Pleiße für den Fall, dass mal wieder viel Regen fällt.