"Sitze oben im Erzgebirge, während unten im Elbtal das Wasser noch immer steigt", trage ich unter dem 6. Juni 2013 in mein Tagebuch ein. Die Notiz kommt mir bekannt vor, und tatsächlich habe ich am 14. August 2002 fast denselben Satz ins Tagebuch geschrieben. Das war beim letzten Jahrhunderthochwasser.

Wobei der Satz gewiss auch damals eine Art schlechtes Gewissen ausdrückte, denn als Dresdner gehöre ich bei Katastrophen nach Dresden, in meine Kleinzschachwitzer Elbwiesengegend, die ich doch nur verlassen habe, weil mir nach 1989 die Mittel für unsere plötzlich unglaublich fein gewordene Villenwohnung fehlten. – Nun, hier im Erzgebirge kann ich immerhin dabei zusehen, wie so ein Hochwasser entsteht. 2002 besuchte das Wasser unter dem schon bald deutschlandweit berühmt gewordenen Namen Weißeritz den noch viel berühmteren Dresdner Zwinger. "Gestern früh sieben Uhr", schrieb ich damals ins Tagebuch, "vor der Tür eine weinerliche Stimme: ›Nehmt ihr uns bei euch auf?‹ Und heute morgen vier Uhr die letzte Einquartierung; der Bruder mit der Frau, gerade noch so mit dem Moped aus dem wasserumschlossenen Kleinzschachwitz herausgekommen." – Ja, während wir damals an langen Tischen hier oben schwatzten und tranken, meldeten wir uns am Telefon bereits mit "Auffanglager Höckendorf"! – "Die Katastrophe als Möglichkeit plötzlichen Miteinanders", merkte ich damals im Tagebuch an. Wobei ich damals bei dem Wort Katastrophe niemals geglaubt hätte, dass es bis zur nächsten Katastrophe nur elf Jahre dauern würde. Wobei ja das Katastrophale an dieser Katastrophe ist, dass sie – nach den Zwischenfluten von 2006 und 2010 – so langsam doch die Mitteilung einschließt, dass dergleichen nun häufiger geschehen könnte: "Es regnet gar ni mehr normal", hörte ich meine Mutter sagen, als wir sie schon einmal vorsorglich zu uns heraufholten. Und ihre Freundin aus dem dieses Mal zuerst evakuierten Laubegast meinte: "Schon wieder eine Jahrhundertflut, Christa! Na, da haben wir uns in den letzten hundert Jahren aber gut gehalten!"

Ja, auch 2013 wieder "Auffanglager Höckendorf". Wobei der Andrang diesmal bedeutend geringer ausfiel, auch weil die meisten unterdessen besser vorbereitet sind und wissen, wo die Elbe bei welchem Pegelstand auftauchen könnte, um ihr altes Bett zu besuchen; denn egal, wie oft sie noch auftauchen wird: Das Flussgedächtnis währt länger als alles Menschengedenken. – Jedenfalls begann Kleinzschachwitz schon allmählich zu verinseln, als ich mich doch noch mal an den Absperrungen vorbeidrückte. Und während es schon seltsam ist, wenn einem auf der Johannes-Brahms-Straße plötzlich die Elbe entgegenkommt, sah ich nun vor dem Haus meines Bruders zwischen blühenden Rhododendren einen kleinen Gardasee. Wobei sich hinter den Blüten tatsächlich ein rotes Paddelboot vorschob. Ein paar Straßen weiter deutete ein Mann mit der Schaufel auf eine abgesoffene Gärtnerei und sagte: "Der kann aber froh sein, dass er schon voorsches Jahr gestorben is und das nisch mehr erleben muss!"

Freilich, der Fluss auch diesmal wieder als Riesenbild ein Bild zum Verstummen. Vielleicht, weil das Bild auch die Furcht einschließt, dass es nicht immer so weitergehen wird mit unserem ja doch geliebten, privilegierten Jetzt. Kam der Fluss doch auch dieses Mal wieder mit einer Selbstverständlichkeit daher, als habe er sich nur in sein altes Recht zurückversetzt. Als flösse er immer schon derart breit und lautlos an den Elbhängen entlang: Ein unablässiges Maestoso – nur drüben, wo vor Kurzem noch die Fahrrinne gewesen sein muss, rast ein Blechbehälter allegretto nach Hamburg hinunter. Und wieder steht das Kirchlein Maria am Wasser im Wasser, mitsamt dem Friedhof, auf dem ich begraben sein will. Und ach, Karlis Bierbude! – immer schon meine einzige, wirkliche Akademie! – unerreichbar im Fluss! Doch während die Bretterbude beim vorherigen Jahrhunderthochwasser oben in den Bäumen hing, hat sie sich dieses Mal nur gedreht, sodass der Ausschank Richtung Meer zeigt.