DIE ZEIT: Herr Kowalczuk, am 17. Juni 1953 begehrte die DDR-Bevölkerung gegen ihre Regierung auf. Hatte der Aufstand eine Chance?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Er war zum Scheitern verurteilt. Moskau hätte die DDR unter keinen Umständen aufgegeben. Und der Westen wäre niemals bereit gewesen, militärisch einzugreifen und einen Weltkrieg zu riskieren.

ZEIT: Wie viele Menschen haben sich an den Protesten beteiligt?

Kowalczuk: Schätzungsweise eine Million. Ein Siebzehntel der Bevölkerung – so viele gingen nicht mal im Oktober 1989 auf die Straße. In mehr als 700 Orten wurde zwischen dem 12. und dem 21. Juni protestiert. Das war wirklich ein Volksaufstand: Alle Altersgruppen waren beteiligt, alle sozialen Schichten, sogar Teile der Funktionärsklasse. Niemand hätte das für möglich gehalten. Auch im Westen nicht. Adenauer und andere Politiker haben zunächst vermutet, der Aufstand sei eine Inszenierung Ulbrichts, um seine Macht zu festigen.

ZEIT: Das wohl berühmteste Foto vom 17. Juni zeigt Demonstranten, die in Berlin Steine gegen die anrollenden Panzer schleudern. Wie hart ist das sowjetische Militär vorgegangen?

Kowalczuk: Allein in Berlin waren 600 sowjetische Panzer im Einsatz. Das muss sich angefühlt haben wie Krieg. Wenn man allerdings das Gesamtbild betrachtet, zeigt sich, dass die Sowjets relativ behutsam agierten. 40 bis 50 Menschen kamen ums Leben, die meisten bei Unfällen und durch Querschläger. Das sind 40 bis 50 Tote zu viel, aber es ist eine vergleichsweise geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass bei der Niederschlagung anderer Aufstände Tausende starben.

ZEIT: Einige Demonstranten wurden allerdings standrechtlich erschossen.

Kowalczuk:Moskau hatte angeordnet, dass 18 Aufständische sofort hingerichtet werden sollten, um ein Exempel zu statuieren. Fünf Erschießungen sind dokumentiert; zwei vollstreckte Todesurteile kamen später hinzu.

ZEIT: Wie reagierte die DDR-Führung auf den Aufstand?

Kowalczuk: In den ersten Tagen ließ sie wahllos Menschen verhaften. Dann aber wurde intern die Losung ausgegeben: Keine Massenrepressalien! Schließlich hatte der repressive Kurs vor dem Juni 1953 den Aufstand erst provoziert. Von den rund 15.000 Festgenommenen wurden daher "nur" rund zehn Prozent verurteilt, die meisten zu Haftstrafen von unter zwei Jahren. Hohe Strafen, lebenslang oder 15 Jahre, wurden in etwa 20 Fällen verhängt. Man wusste: Wenn wir jetzt hart durchgreifen, sitzt bald die eine Hälfte des Landes im Knast, und die andere "macht rüber".

ZEIT: Welche Konsequenzen zog die SED aus dem 17. Juni?

Kowalczuk: Sie erkannte, dass ihre Macht auf den Bajonetten der Sowjets beruhte. Um weiteren Aufständen vorzubeugen, versuchte sie, sich die Gunst der Gesellschaft zu erkaufen, zum Beispiel indem sie soziale Sicherheiten bot. Und sie weitete ihren Sicherheitsapparat aus: die Stasi, die Polizei, das Grenzregime. Nicht zuletzt bemühte man sich, die Bevölkerung in Massenorganisationen zu erfassen, um sie zu kontrollieren.

ZEIT: Was geschah mit dem Widerstand nach 1953? War er gebrochen?

Kowalczuk: Der antikommunistische Widerstand erlosch erst nach 1961, nach dem Mauerbau. Dieser selbst verhinderte wohl am wirksamsten einen weiteren 17. Juni. Dafür wurde der kulturelle Protest immer stärker sichtbar, das Aufbegehren der Jugendlichen, die Beat hören wollten und Jeans trugen. Die Kirchen wurden zum Sammelbecken für diese jungen Leute – die Keimzelle der späteren Opposition und Friedensbewegung.

ZEIT: Und die breite Masse?

Kowalczuk: Die meisten Menschen spalteten ihr Leben in ein öffentliches und ein privates. Man machte irgendwie mit, weil "ohnehin alles andere keinen Zweck" hatte. Im Privaten wollten viele mit der Welt da draußen nichts mehr zu tun haben. In dieser Schizophrenie lebte die große Mehrheit der DDR-Bürger.

"Man konnte auch Nein sagen"

ZEIT: Gelang es der SED nach 1961, das Leben in der DDR irgendwie attraktiv zu machen?

Kowalczuk: Auf den Mauerbau – den Höhepunkt des SED-Terrors – folgten die allmähliche außenpolitische Anerkennung der DDR und eine gewisse innenpolitische Stabilisierung. Die Hoffnung auf Wiedervereinigung war erst mal dahin. Die DDR wurde vom Provisorium zur Dauereinrichtung. Das wirkte sich natürlich auch auf den Alltag aus.

ZEIT: Man arrangierte sich?

Kowalczuk: Die Geschichte zeigt, dass sich Menschen auch unter den widrigsten Umständen so etwas wie Normalität schaffen. Sonst kann man sich gleich in den Stacheldraht werfen. Und so wollten auch die Menschen in der DDR ein gutes Leben haben, obwohl sie eingesperrt waren. Sie wollten lachen, sich an Kunst erfreuen, unbeschwerten Sex haben. Zudem setzte in den sechziger Jahren ein bescheidener Wohlstand ein, sodass sie sich nicht mehr ständig darum kümmern mussten, ihre Familie satt zu bekommen. Die Leute konnten sich ihren Hobbys widmen, ihr Häuschen und ihren Garten pflegen. Vielen boten sich Karrierechancen.

ZEIT: Und so war es leichter als in den fünfziger Jahren, die dunklen Seiten einfach auszublenden?

Kowalczuk: Jeder bekam natürlich mit, dass Kollegen oder Bekannte schikaniert, benachteiligt oder sogar verhaftet wurden. Aber die meisten spalteten das von sich ab. Sie kümmerten sich um sich selbst.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch Stasi konkret kritisieren Sie, dass die Ambivalenz, in der die meisten DDR-Bürger lebten, entsorgt worden sei, indem man die Stasi dämonisierte.

Kowalczuk: Die Fixierung auf die Stasi, wie wir sie seit 1990 erleben, erzeugt ein Zerrbild – nach dem Motto: Ah, der war ein IM? Also war das ein ganz übler Typ! Da wird nicht gefragt: Was hat der im Einzelnen gemacht? Warum ist er IM geworden? Wie lange war er IM? In Vergessenheit gerät darüber, dass es massenhaft Denunziationen gab, die nichts mit der Stasi zu tun hatten – am stärksten im Parteiapparat. Aber auch bei der Polizei und den Massenorganisationen, der FDJ, dem FDGB, wurden massenhaft Leute verpfiffen.

ZEIT: Aus politischem Eifer?

Kowalczuk: Ja, aber es kam auch häufig vor, dass jemand aus privaten Gründen seinen Nachbarn anschwärzte, um ihm zu schaden. Es ist nicht alles Übel nur von der Stasi ausgegangen. Sie war nicht so allmächtig, wie sie vorgab und wie heute viele glauben.

ZEIT: Die inoffiziellen Mitarbeiter wurden von der Stasi angeworben. Man konnte sich nicht freiwillig melden. Konnte man sich weigern?

Kowalczuk: In den fünfziger Jahren war die Anwerbung durch die Stasi einer der häufigsten Anlässe, abzuhauen. Damals war das Werben unter massivem Druck noch gängige Praxis. Das hörte später auf: Die Stasi brauchte Überzeugungstäter und wollte Mitarbeiter nicht zwingen, sondern für sich gewinnen. Wer sich in der Honecker-Ära der Stasi verweigert hat, dem ist in aller Regel nichts passiert.

ZEIT: Man konnte einfach Nein sagen?

Kowalczuk: Ja, und das taten auch viele. Andere machten erst mal mit. Dann ließen sie die Mitarbeit auslaufen, erschienen nicht mehr zu Treffen mit dem Führungsoffizier: weil sie angeblich keine Zeit mehr hatten, krank waren oder der Ehepartner was ahnte...

ZEIT: Wie verbreitet war das Wissen, dass man sich so aus der Affäre ziehen konnte?

Kowalczuk: In den Städten wussten die Menschen mehr als in der Provinz, in widerständigen Kreisen mehr als in der "normalen" Bevölkerung. Die Kirche bot mancherorts sogar "Kurse" an, wie man sich im Fall einer Anwerbung verhalten sollte. Gleichwohl wirkte der Nimbus, den die Stasi aufgebaut hatte – dass sie omnipräsent und allwissend sei –, äußerst einschüchternd.

ZEIT: In den vergangenen Wochen sind Sie heftig attackiert worden: Sie würden mit Ihrem Buch die Stasi verharmlosen, weil Sie darin bezweifeln, dass die allgemein angenommene Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter, 189.000, korrekt ist.

Kowalczuk: Es haben bedeutend weniger IMs tatsächlich als Spitzel gearbeitet, aber das ist letztlich nicht der Punkt. Die Aufregung darüber habe ich ja schon in meinem Buch prophezeit. Ärgerlich ist, dass über das, worum es mir eigentlich geht – die Frage nach der individuellen Verantwortung und den Herrschaftsstrukturen mit der SED an der Spitze –, nicht diskutiert wird. Es gibt die Tendenz, denjenigen für den größten Aufklärer zu halten, der die dramatischsten Zahlen präsentiert. Aber das führt zu nichts. Man muss sich die Handlungsspielräume anschauen, die jeder Einzelne hatte.

ZEIT: Ihr Buch ist sogar Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage im Bundestag geworden, gestellt von Der Linken...

Kowalczuk: Ein grotesker Vorgang! Als sei die Bundesregierung die höchste Instanz, um Forschungsstreitigkeiten zu entscheiden. Das alles zeigt einmal mehr, dass es so gut wie keine echten Debatten zu diesem Thema gibt, sondern nur Aufgeregtheiten. Welcher junge Wissenschaftler will denn künftig in so einem Klima kritische Fragen stellen und womöglich andere als bislang gängige Antworten liefern?

ZEIT: Wird es also einen Generationenwechsel brauchen, um offen über Kooperation und Widerstand in der DDR sprechen zu können? Haben die Akteure der gegenwärtigen Diskussion zu wenig Abstand zum Geschehen?

Kowalczuk: Wahrscheinlich. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Ich bin selbst in der DDR groß geworden. Ich kenne das Leben in der Grauzone zwischen Konformität und Resistenz, und ich war von Anfang an Teil der Aufarbeitung. Die nachfolgenden Historiker werden mit Sicherheit neue Perspektiven eröffnen. Und über die Stasi wird da gewiss noch zu reden sein...

ZEIT: Auch das Bild des 17. Juni 1953 hat sich ja im Lauf der Zeit gewandelt. Erst nach 1990 wurde klar, wie weitreichend der Aufstand war.

Kowalczuk: Und noch etwas anderes war lange Zeit nicht bekannt: dass die Stasi sehr viele derjenigen, die nach dem 17. Juni festgenommen wurden, in der Haft als Spitzel angeworben hat. Die meisten waren alles andere als Freunde des Systems, haben sich aber gesagt: Gut, dann spiele ich jetzt mit und habe dadurch die Chance, aus dem Knast zu kommen und zu flüchten. Das Tragische: Viele von ihnen sind nach 1990 genauso als Stasi-Täter verunglimpft worden wie IMs, die sich wirklich Schlimmes haben zuschulden kommen lassen. Umso wichtiger wäre es, endlich eine qualitative IM-Forschung zu betreiben, denn hinter der bloßen Diskussion um Zahlen wird das Schicksal vieler Opfer des SED-Regimes unsichtbar.