Irgendwann kommt er dann doch, der Satz, den man viel früher erwartet hätte: "Jetzt bin ich müde." Es ist halb zwölf in einer warmen Samstagnacht im Juni, Nese Erikli lässt sich auf eine Bank in der Altstadt von Konstanz sinken. Ihr Tag war lang. Am Morgen die Kreismitgliederversammlung; am Nachmittag ein Sponsorenlauf in Singen mit ihrem Kampagnenteam, acht Kilometer lang, die Spenden gehen an den Verein Lebenshilfe; am Abend Wahlkampf auf dem Konstanzer Flohmarkt. Sie hat sehr viele Hände geschüttelt und sehr oft den Satz gesagt: "Darf ich Ihnen Traubenzucker geben und einen Flyer dazu? Ich bin die grüne Bundestagskandidatin."

Drei Monate sind es noch bis zur Bundestagswahl. Nese Erikli ist seit Ende Mai im Wahlkampf: Podiumsdiskussionen, Homepage aufbauen, Flyer entwerfen, Wahlkampfclip drehen. Allein der Dreh habe zehn Stunden gedauert. Das alles ist anstrengender als ihr Jurastudium, macht ihr aber mindestens genauso viel Spaß. Ihre Lage fasst sie so zusammen: "Nicht aussichtsreich, aber auch nicht aussichtslos." Platz 21 auf der Landesliste der Grünen. Die Konkurrenz im Wahlkreis ist hart, seit 1949 geht das Direktmandat an die CDU, und hier ist auch die FDP stark, es ist der Wahlkreis von Birgit Homburger. "Aber ich kämpfe", sagt sie, und die Konkurrenten würden jetzt schon auf sie schauen. Sie holt Politpromis nach Konstanz. Zum Wahlkampfauftakt gleich Cem Özdemir. Der Bundesvorsitzende kam gerne, er hat eine ähnliche Biografie aufzuweisen wie die 31-Jährige, die sich von der Hauptschule bis zum Studium durchgekämpft hat. Sie absolviert eine Diskussionsrunde nach der anderen, im Rotary Club, bei der Handwerkskammer.

Wie reagieren die auf eine Studentin, die in die große Politik will? Anfangs würden sicher manche denken, da komme halt so ein nettes Mädchen an, aber dann, und sie ballt eine Faust, "sind sie überrascht, wie hart ich argumentieren kann, in der Sache". Manchmal rutschen ihr dabei auch Politikerparolen raus wie etwa: "Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben", begleitet von Gesten, die noch etwas einstudiert wirken. Aber sie kennt sich aus in den Themen, egal, ob es um Innere Sicherheit geht, Chancengleichheit oder Mittelstand. Das würden dann auch gestandene Handwerker respektieren.

"Born to be green"

Es gibt in der Politikwissenschaft viele Theorien darüber, wer welche Partei warum wählt und was den Ausschlag gibt: Themen, Kandidaten oder die Identifikation mit einer Partei. Begleitet man Nese Erikli eine Zeit lang, wird klar, wie viel an einer Kandidatin hängen kann. Auf dem Konstanzer Nachtflohmarkt wirbt sie zwischen Weingläsern, Fahrrädern und Tischdecken. Auf 14 Kilometern reihen sich über tausend Stände, viele Besucher haben Taschenlampen mitgebracht.

Aus Eriklis Kampagnenteam sind drei Mitstreiter dabei, sie tragen grüne T-Shirts, vorne sieht man eine herausgestreckte Zunge, auf der steht "born to be green", hinten die Webadresse von Erikli. Sie selbst trägt ein schwarzes Kleid mit heller Strickjacke. "Darf ich Ihnen Traubenzucker geben und einen Flyer dazu?" Kaum jemand lehnt ab. Sie redet über Fracking, über Nahverkehr; um Steuern geht es an dem Abend nicht.

Die Leute scheinen sie auf den ersten Blick zu mögen. Ein Mädchen fragt: "Das sind ja Sie auf dem Foto? Was machst du so?" Politik, sagt sie. "Ich will für die Grünen in den Bundestag." – "Ich bin erst 15", kommt als Antwort, "aber wenn ich könnte, würde ich dich wählen." Ein älteres Ehepaar sagt: "Leider können wir Sie nicht wählen, wir kommen nicht aus Konstanz." – "Sie können mich trotzdem wählen, mit Ihrer Zweitstimme", sagt Nese Erikli. "Ach so? Na, dann geben wir uns Mühe", antworten sie und stecken ihren Flyer ein.

Laut einer Forsa-Umfrage ist die Zahl derer, die im September nicht wählen wollen, auf 30 Prozent gestiegen. Nese Erikli kämpft unverdrossen dagegen an, mit einem Lächeln.