Wo man nicht zusammenkommen kann, da bekommt man den Knüppel auf die Rübe." – "Unsere Geduld ist am Ende. Ich gebe zum letzten Mal eine Warnung aus. Ich bitte die Mütter und Väter, ihre Kinder fortzubringen." Es ist nicht auf Anhieb zu sagen, welches Zitat hier von Erdoğan stammt und welches von Putin. Wobei der Appell an die Eltern am Ende doch besser zum verzweifelt um sich schlagenden türkischen Patriarchen und die kalte Drohung mit Gewalt eher zu Putin passt.

Beide Männer reagieren auf Irritation mit Aggression, beide versuchen, Angst zu machen, wenn sie Angst bekommen, beide sind, mit anderen Worten, autoritäre Führer. – Und beide füllen derzeit die Schlagzeilen. Erdoğan mit seinem brutalen Feldzug gegen die Opposition, Putin, indem er daheim durch denunziatorische Gesetze zur Hatz gegen Schwule aufstachelt und außenpolitisch Lösungen für Syrien blockiert.

Die Frage kann hier nicht sein, ob dieses autoritäre Gebaren legitim ist (natürlich nicht), die Frage ist, ob so was heutzutage noch funktionieren kann. Und wenn ja, wie lange.

Auch im Westen gibt es eine naive Sehnsucht nach dem Autoritären

In weiten Teilen Europas und Nordamerikas ist das Autoritäre auf dem Rückzug, weil es seine wichtigste Ressource verloren hat: die Angst der Leute. Die gewöhnlichen Menschen haben weit weniger Angst als früher: vor dem Staat, vor den Eltern, vor den Lehrern, vor der Polizei. Die geistigen und seelischen Voraussetzungen für eine autoritäre Politik gibt es im Westen derzeit nicht. Wohl aber eine gewisse Sehnsucht nach Taten ohne Gequatsche. Neidvoll blicken viele auf Männer wie Putin oder Erdoğan, weil die angeblich noch richtig durchgreifen können, das einmal Beschlossene effizient durchsetzen.

Das ist eine optische Täuschung. Tatsächlich verbraucht Putin eine ungeheuerliche Menge an politischen, ökonomischen und kulturellen Energien, um seine Autorität aufrechtzuerhalten. Da ist der Repressionsapparat, da ist das völlig überblähte Militär, da sind die Abermilliarden Rubel zum Einkauf von Kameraden und Komparsen der Macht, da ist das unfassbare Unglück, das er allen auferlegt, die sich ihm nicht beugen wollen, weil sie frei reden und leben wollen, oder es nicht können, weil sie etwa Homosexuelle sind, die in Putins Russland zu Unaussprechlichen gemacht, zu Kranken erklärt werden. Und da sind 100.000 tote Syrer, von denen ein Teil wohl auch auf Putins Kappe geht, weil er dort einen Machtkampf mit den USA sucht (den die gar nicht wollen). Alles für die Macht des einen.

Auch Erdoğan hat den Mitteleinsatz zuletzt Woche um Woche erhöht, immer mehr Polizei, immer mehr Repression gegen Anwälte und sogar gegen Ärzte. Zuletzt drohten seine Leute damit, das Militär einzusetzen, das ihm doch eigentlich so verhasst ist. Und wofür das alles? Für ein Einkaufszentrum? Nein, das wird er ohnehin nicht mehr bekommen. Der ganze Aufwand diente nur dazu, seinen autoritären Gestus zu stützen, seinen großen Worten mussten irrwitzige, völlig unproportionale Taten folgen.

Ein türkischer Heiner Geißler, eine einzige versöhnliche Geste des Ministerpräsidenten, eine ehrliche Respektbekundung für die Demonstranten – und der ganze Terror vom Taksim-Platz wäre nicht nötig gewesen.

Autoritäre Politik, das zeigt sich bei Putin wie bei Erdoğan, braucht in einer antiautoritärer werdenden Welt einen horrenden Mitteleinsatz.

Dennoch sind die beiden Männer nicht gleich, und die beiden Länder sind es auch nicht. In Erdoğan kann jeder unschwer den Patriarchen erkennen, dessen Tochter einen Mann heiratet, den er ablehnt. Es ist, als wollte er Millionen jungen Türken sagen: Solange ihr die Beine unter meinen Tisch stellt, macht ihr, was ich euch sage. Man weiß, wie so was meist ausgeht. Irgendwann wird die Tochter ihn weichkriegen, irgendwann wird Erdoğan verstehen – oder gehen.

Die türkische Sache wird – so viel Prognose sei erlaubt – über kurz oder lang gut ausgehen, auch weil die Grundlage des Landes gesund ist: eine florierende Ökonomie, in der Leistung sich lohnt, mit selbstbewussten Menschen und mit Führern, die einsehen werden, dass man mit guten Worten mehr verdienen kann als mit leeren Drohungen.

Bei Putin und seinem Russland verhält es sich anders. Er ist der bei Weitem kältere Herrscher, er hetzt gegen die Schwulen, obwohl sie ihn in keiner Weise bedrohen, sie dienen ihm einfach nur als willkommene Aggressionsabfuhr für die unzufriedene Mehrheit. Und ökonomisch ist Russland ein krankes Land, fast aller Reichtum kommt aus den Gashähnen oder aus den Fluren des Kreml. In Russland bestimmt sich der Wohlstand des Einzelnen nur am Rande nach der eigenen Leistung, vor allem aber aus der Nähe zur Macht und zum Petrogeld. Das schafft ein Volk von Betrügern und Betrogenen, nicht von Bürgern, die sich allmählich emanzipieren und anfangen, über autoritäre Gesten zu lachen. (Umso tiefer muss man den Hut vor jenen ziehen, die es dennoch versuchen.)

Und was, wenn Gas billiger wird, weil die Energiewende in Deutschland, das Fracking in den USA und das neu erschlossene Gas aus Nordafrika die Preise verderben? Es ist schwer vorstellbar, wie aus all dem ein sanfter Übergang zu mehr Menschlichkeit und Würde, gar zu so etwas wie Demokratie entstehen soll.

Das Autoritäre, so viel scheint sicher, hat auf lange Sicht keine Zukunft. Fragt sich nur, wie viel Unglück es noch verbreitet, bevor es vorbei ist.

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