Nationalist war Shinzo Abe bisher vor allem im Umgang mit Japans Nachbarn. Beim Streit mit China um die unbewohnten Senkaku-Inseln drohte er mit Waffengewalt, Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg hat der Premier immer wieder verharmlost. Nun aber zeigt sich Abes unerschütterlicher Glaube an die Nation auch von einer anderen Seite – in der Wirtschaftspolitik.

Am Freitag verabschiedete das Parlament Strukturreformen, mit denen Japan von Unternehmensgründungen über den Handel bis zum Arbeitsmarkt Regeln abschaffen will, die das Geschäft hemmen. Davon, so der Premier, sollen am Ende alle Japaner profitieren: Binnen zehn Jahren soll das Nationaleinkommen pro Kopf um ein Drittel größer werden.

Zweiflern begegnet der Premier mit Selbstsicherheit – und dem Verweis auf die erfolgreiche Vergangenheit seiner Nation: Es gebe keinen Grund, nicht wieder zu erreichen, was die Japaner vor 30 oder 40 Jahren schon einmal geschafft hätten.

Wirklich? In den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts steuerte Japans mächtige Bürokratie die Wirtschaft durch kontrollierte Kapitalmärkte und hohe Importzölle. Japans Volkseinkommen pro Kopf wuchs in dieser Zeit um mehr als vier Prozent pro Jahr. Hochwertige und günstige Produkte, insbesondere Elektronik und Autos, überfluteten die Märkte der Welt – übrigens auch deshalb, weil für einen US-Dollar damals 360 Yen gekauft werden konnten.

1985 erzwangen die USA allerdings eine deutliche Aufwertung der japanischen Währung. Fünf Jahre später platzte eine Spekulationsblase; der Aktienindex Nikkei stürzte von seinem Höchststand von 38.957 Punkten ins Bodenlose. Nur am Rande: Beim jüngst gefeierten Börsenaufschwung knackte der Nikkei gerade mal die Marke von 15.000.

Seit über zwei Jahrzehnten drückt nun eine immer wiederkehrende Deflation auf Japans Wachstum. Die Wirtschaftsleistung ist heute in etwa genauso hoch wie zu Beginn der großen Krise. Dass die alten Zeiten vorüber sind, zeigen zudem die immer sichtbareren sozialen Probleme der stark alternden Nation: Einkommensungleichheit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben stark zugenommen. Die Sparquote privater Haushalte ist auf zwei Prozent der verfügbaren Einkommen gesunken, die Mehrheit der Japaner blickt heute wenig optimistisch in die Zukunft. In kaum einer Nation der Welt denken zudem weniger Menschen über eine Unternehmensgründung nach.

Und Japans Anteil am Welthandel hat sich seit den neunziger Jahren auf nunmehr fünf Prozent halbiert. Längst dominieren China und Südkorea in jenen Sektoren, in denen japanische Unternehmen einst führend waren.

Das alles heißt nicht, dass Abes Wachstumsstrategie – neben einer extrem lockeren Geldpolitik und wachsenden Staatsausgaben der "dritte Pfeiler" seiner Wirtschaftspolitik – nicht ein paar Erfolge bringen könnte. Japans Erwerbsbevölkerung schrumpft, also ist es notwendig, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Und Start-ups bei der Gründung zu helfen könnte neben neuen Innovationen auch neue Arbeitsplätze bringen. Das ist bitter nötig, weil große, etablierte Unternehmen während der vergangenen Jahre unterm Strich mehr Jobs gestrichen als geschaffen haben.

Allerdings fehlen Japan im Unterschied zu den siebziger und achtziger Jahren die politischen Hebel, um in einer viel stärker globalisierten Welt ähnlich erfolgreich zu sein. Zudem ist das Land heute eine ausgereifte Volkswirtschaft, in der nachhaltiges Wachstum weitaus schwieriger zu erreichen ist. "Japan, wir holen es uns zurück!", lautete im vergangenen Dezember Shinzo Abes patriotischer Wahlkampfslogan. Wie genau er das schaffen will, das hat er damals kaum erklärt. Es steht zu befürchten, dass es sich als Träumerei entpuppt.