"Einer wie ich hätte ihm als Vermittler gut dienen können", sagt Christiansen, frei von jeder Bitterkeit, beim Morgenkaffee, nachdem er seine Kinder Hugo und Alejandra in die Amerikanische Schule von Barcelona gebracht hat. Sein Leben ist immer noch international, Spanisch spricht er mit dänischem Akzent.

Wie wird Guardiola den Spielern seine Empathie, eine seiner großen Stärken, vermitteln können, fragt sich Christiansen laut. In Barcelona gab es am Anfang Missverständnisse mit ausländischen Spielern. Guardiola packte den französischen Verteidiger Éric Abidal am Arm, um einen Spielzug, eine Bewegung nur, zu korrigieren. Die Katalanen im Team grinsten: Pep in seinem Element. Doch Abidal fauchte: Fass mich nicht so an!

Wer erklärt Guardiola in München, dass der Physiotherapeut ihm nicht feindselig gesinnt ist, sondern Bayern gerne so schroff reden? Wer sagt ihm, dass Sportdirektor Matthias Sammer kein Zuarbeiter ist, sondern er ihn als Machtfigur neben sich auf der Trainerbank ertragen muss? "Bei Barça", sagt Christiansen, "gab es einen Zeitpunkt, da war Pep größer als der Club, das wird bei Bayern anders."

Trotzdem hat es Christiansen nicht überrascht, dass Guardiola nicht zurückrief. Er kennt ihn ja. Guardiola will in München keinen Kulturassistenten an der Seite. Er will es, wie alles, alleine schaffen: Deutsch lernen, mit den Spielern reden, zurechtkommen.

Es gab bereits einen fabelhaften ausländischen Trainer bei Bayern München, der an all den kleinen kulturellen Missverständnissen scheiterte: den Italiener Giovanni Trapattoni. Am Ende saß er mit seiner Frau in einer schicken Wohnung nahe der Oper und fragte sich, warum er und die Deutschen sich nicht verstanden. Das war 1995. Dass Spieler den Trainer nicht respektieren, weil sie seine Übungen nicht kennen und er die Verben durcheinanderwirft, ist heute kaum noch denkbar. Aber auch diese Gewissheit wird durch Pep Guardiola auf die Probe gestellt: Ist der deutsche Fußball, ist das Land heute tatsächlich so weltoffen, wie es scheint?

In seiner Wohnung in Barcelona springt Xavier Sala i Martín von seinem Stuhl auf. Er sei gleich wieder da, sagt er.

Mit einer billigen weißen Pappmappe kehrt Sala i Martín zurück. Er möchte sein neuestes Forschungsmaterial vorzeigen. "Unterrichtsstunde Pep Guardiola" steht in krakeliger Handschrift auf der Mappe. Der Schüler bei dieser Vorlesung war: Professor Sala i Martín.

Er schlägt die Mappe auf. Taktische Formationen, Trainingsübungen, Angriffszüge, gezeichnet von Guardiola.

Schon seit Monaten, sagt Sala i Martín, erkunde sein Freund seine neue Heimat. Wie ein Ethnologe studiert Guardiola die Videos von Bayern München. Er lässt die Spiele von Kameras unter dem Stadiondach aus der Vogelperspektive filmen, um die Bewegungen der Mannschaft, die Löcher in der Abwehr, die Fehler im Angriff zu erkennen. Er hat für seine neue Elf schon wieder Manöver im Kopf, an die noch niemand denkt.

Stolz blättert Sala i Martín, der Wirtschaftsprofessor, in der Mappe: Sein Freund, der Fußballromantiker, ist auch ein Fußballökonom. Denn so, wie in der Wirtschaft um Marktanteile gerungen wird, wird im modernen Fußball um Spielanteile gekämpft. Und während in der Wirtschaft, bei Firmen wie H&M und Zara, Strategiewechsel meist erst mittelfristig sichtbar werden, ist im Fußball jedes Wochenende neue Flexibilität gefragt: Eine Idee trifft auf eine Gegenidee, und diese zerstörerische Gegenidee zwingt den begabten Trainer wieder zu einer neuen Strategie. Zu ständiger und immer schnellerer Innovation. "Konstruktive Destruktion" nenne man es in der Wirtschaft, sagt Sala i Martín. Der Professor gehört in Amerika und Spanien auch deshalb zu den populärsten Ökonomen, weil er komplexe Prozesse spannend und verständlich beschreiben kann.

"Der Tag, an dem Pep Guardiola die Geschichte des Fußballs änderte, war der 1. Mai 2009", sagt Sala i Martín und lässt den Satz in der Luft hängen, damit Zeit ist, zu raten, was an jenem Tag geschah.

1. Mai 2009? Das Champions-League-Finale kann es nicht gewesen sein, das ist immer Ende Mai. Vielleicht irgendein besonders legendärer Sieg über Real Madrid?

Triumphierend schüttelt Sala i Martín den Kopf. Er sagt: "Am 1. Mai 2009 saß Pep wie immer am Tag vor einem Spiel alleine in seinem Büro und arbeitete."

Guardiolas Büro in Barcelona war ein kleiner Kellerraum im Stadion Camp Nou, ohne Fenster, nur ein Stuhl, ein Tisch, ein Computer, wie eine Zelle. Hier studierte er vor jedem Spiel stundenlang Videos der Gegner. Am 1. Mai 2009 ist Guardiola Trainer in seiner ersten Erstligasaison, am nächsten Tag spielt Barça auswärts bei Real Madrid. Und auf einmal sieht er es! Er hält das Video an, spult zurück, lässt es noch mal laufen. Da! Das ist es!

Später wird Guardiola sagen, das seien die besten Momente in einem Trainerleben, jedes Mal wieder, allein in der Zelle, wenn er die eine Schwäche des Gegners entdeckt, die seine Elf ausnutzen wird.

Guardiola ruft Lionel Messi an, seinen kleinen, schnellen Außenstürmer. Komm sofort zu mir ins Stadion, ich muss dir etwas zeigen, sagt er. Messi braucht 20 Minuten. Guardiola spielt wieder das Video ab, und Messi sieht es sofort: Wenn Madrids Spieler den ballführenden Gegner im Mittelfeld angreifen, rücken die Verteidiger nicht auf. Zwischen Abwehr und Mittelfeld entsteht ein Freiraum von 25 Metern.

Fußball-Laien, von denen es immer weniger zu geben scheint, stellen sich da die Frage: Ja und?

Fußball-Experten, von denen es immer mehr zu geben scheint, erkennen das, was für den Ökonomen Sala i Martín eine Marktlücke ist: freier Raum, den noch kein anderer entdeckt hat.

"Wenn Messi, schnell und wendig, aus diesem Freiraum unbedrängt mit dem Ball startet", sagt Sala i Martín, nun der beste Fußballkommentator, "wird er Reals Verteidigern jedes Mal die Hüfte brechen."

Am Morgen des 2. Mai 2009 erzählen Guardiola und Messi niemandem von ihrem Plan. Messi beginnt das Spiel wie gewohnt auf dem Flügel, um den Gegner zu täuschen. Nach zehn Minuten, so hat Guardiola es ihm aufgetragen, wird er die Position tauschen und als im Mittelfeld versteckter Angreifer, als "hängender Mittelstürmer", in den neu entdeckten Freiraum sprinten und so seine Tore schießen.

Messi erzielt zwei Tore, gibt die Vorlage zu einem weiteren Tor. Barça besiegt Real Madrid mit 6:2, ein überragendes, historisches Ergebnis.

Auf seiner neuen Position wird aus dem sehr guten Fußballspieler Messi einer, den die Welt noch nicht gesehen hat. Die 25 Meter Freiraum, die Guardiola sah, haben Messi einen fast uneinholbaren Vorsprung verschafft: Seit dem Sommer 2009 wurde er Jahr für Jahr zum Weltfußballer gewählt, er schoss bis zu 88 Tore pro Saison.

Es war kein Geniestreich von Guardiola. Er hatte nur die beste Strategie für ein Spiel gesucht.

"Pep erfindet nichts", sagt Sala i Martín: "Die Idee des versteckten Mittelstürmers hatte die ungarische Nationalelf 50 Jahre zuvor. Alles ist im Fußball schon erfunden, Fußball wird seit 2300 Jahren gespielt. Aber hier ist ein Mann, der es versteht, nach 2300 Jahren das Spiel jeden Samstag wieder zu erneuern. Pep zog Messi in die Tiefe des leeren Raums zurück und – zack!"

Sala i Martín, dessen Bücher in spanischen Buchläden neben Steve Jobs’ Biografie ausgestellt werden, schreit jetzt fast vor Freude: "Madrids Trainer schob daraufhin im nächsten Spiel seinen Verteidiger Pepe ins Mittelfeld, um Messi zu erledigen. Doch prompt rückte Guardiola seinen Spieler Piqué aus der Abwehr vor – bamm! Eine Schlacht!"

Wenn man Xavier Sala i Martín zuhört, ist es, als sollten wir alle noch viel mehr Fußball schauen.