Nina von Moltke ist Entwicklungschefin für digitale Bücher bei Random House in New York, und sie beobachtet die Kurve des E-Book-Wachstums seit Jahren ganz genau. Wobei, eine Kurve ist es eigentlich nicht, wenn man ehrlich ist, eher eine Zickzacklinie, die sich in hektisch-steilen Sprüngen in eine Richtung bewegt hat: nach oben. Aber nun "ist erst einmal ein Plateau erreicht", sagt von Moltke. Seit Jahresbeginn pendelt der Anteil elektronischer Bücher am Gesamtmarkt um die 25 Prozent. Das ist eine kleine Sensation.

Der turbulente, zuweilen abenteuerliche Wandel einer ganzen Branche stoppt nach fünf Jahren einfach. Und alle Beteiligten – Verlage, Händler, Agenten und Autoren – haben eine neue Normalität, mit der sie sich arrangieren müssen. Sie besteht zum einen in dem vorläufig eingefrorenen Verhältnis von E-Book zu gedrucktem Buch. Sie ist auch gekennzeichnet von einer neuen Art, Buchpreise im Digitalen zu finden. Und sie ist drittens bestimmt von einer Megafusion in einem traditionell von Kleinverlagen bestimmten Markt. Das sind die neuen Lebensbedingungen im US-Buchmarkt.

Peter Mayer, der in seinem kleinen Verlag Overlook Press seit 40 Jahren Literaten aus Europa veröffentlicht, bestätigt, dass sein digitales Geschäft nicht mehr zunimmt. Aber er traut der Ruhe nicht: "Vielleicht hört dieser enorme Sog zum E-Book auf, aber wenn es künftig statt mit 20 Prozent nur mit fünf Prozent pro Jahr wachsen sollte, ist das immer noch schnell für unsere Industrie." Die Büroetage von Overlook Press gleicht einem Labyrinth. Die Räume sehen aus, als hätte man einen Teil der Bibliothek aus dem Roman Im Namen der Rose von Umberto Eco in eine alte Fabriketage im New Yorker Bezirk Soho versetzt. Mit Stellwänden hat Mayer (76) die Fläche für sein gutes Dutzend Angestellte aufgeteilt, so sind verwinkelte Gänge entstanden, die an Arbeitsplatznischen vorbeiführen. Bücher aus dem aktuellen Programm stehen am Eingang, Bücher aus dem kommenden liegen auf seinem Schreibtisch – und Tausende alte Bände, nie verkauft, aber auch nicht eingestampft, sind in Regalen aufgereiht, und es ist, als hielten sie die Bürowände aufrecht.

Der Verleger steht digitalen Büchern distanziert gegenüber, aber er ist auch Unternehmer, und insofern registriert Mayer nüchtern, dass sein größter Kunde heute der Onlinehändler Amazon ist. Er kann der Sache sogar etwas Gutes abgewinnen: "Amazon hat uns kleinen Verlagen ein faireres Wettbewerbsumfeld beschert. Dort müssen wir nicht um ein paar Zentimeter im Regal kämpfen wie bei Buchhändlern. Amazon interessiert nur, ob sich unser Buch verkauft."

Wie groß der digitale Markt ist, fällt von Genre zu Genre verschieden aus: Bei anspruchsvoller Literatur, Autobiografien, Sachbüchern und Werken zum Zeitgeschehen liegt der digitale Anteil bei 25 bis 30 Prozent. Die Leser von Science-Fiction-, Fantasy- und Groschenromanen sind dagegen preissensibler und greifen entsprechend bis zu 50 Prozent häufiger zum E-Book.

Kaum erschlossen seien dagegen Kinderbücher und Genres wie Kochbücher, sagt Random-House-Managerin von Moltke. "Hier erreicht das Lesererlebnis des E-Books in den meisten Fällen noch nicht das des gedruckten Buchs." Zudem würden gerade sogenannte Coffee-Table-Books, also aufwendig gestaltete Bücher über Kunst oder Antiquitäten, wie eh und je gedruckt verschenkt. Random House verlässt sich jedoch nicht darauf, dass der digitale Marktanteil hier bei unter zehn Prozent verharrt, und hat vor zwei Jahren die in Seattle gegründete Agentur Smashing Ideas übernommen. Sie entwickelt interaktive und multimediale Formate.

Einen Konsens gibt es inzwischen auch bei der umstrittenen Frage, wie teuer ein elektronisches Buch sein darf. Sein muss: Bis zum Jahr 2010 diktierte Amazon mit rund 90 Prozent Marktanteil die Preise und setzte 9,99 Dollar auch für neue Bestseller fest. Dann trat Apple mit einem neues Geschäftsmodell an, bei dem die Verlage die Preise wieder selbst bestimmen konnten und 30 Prozent davon an Apple abgaben. Es bedeutete für sie mehr Autonomie und für Amazon einen Konkurrenten, bis im Jahr 2011 ein Vorwurf des US-Justizministeriums wie ein Blitz durch die E-Book-Welt zuckte: Apple und fünf Verlage sollten die Preise künstlich hoch gehalten haben.

In den vergangenen Wochen trafen sich die Vertreter des Ministeriums und die von Apple vor Gericht. Die mit angeklagten Verlage hatten da schon vorab Vergleiche mit der Behörde geschlossen, weil die möglichen Strafzahlungen für sie ein zu hohes Risiko waren. Apple dagegen bleibt bei seiner Version. "Die Verhandlungen mit den Verlagen waren völlig normale, legale Geschäftsaktivitäten", sagte ein Konzernanwalt. Die Gegenseite spricht von illegalen Preisabsprachen.

Am vergangenen Donnerstag endeten nun die Anhörungen in dem Fall, und schon für den Juli wird die Entscheidung der zuständigen Richterin erwartet. Das Urteil selbst wird den Buchmarkt nicht groß beeinflussen, aber die Auseinandersetzung hat alle Parteien in der Zwischenzeit dazu gebracht, ein im Markt unumstrittenes Modell zu etablieren: das sogenannte Agenturmodell. Damit ziehen die Verlage heute selbst in die Preisschlacht, sie legen die Preise für elektronische Bücher fest und erlauben den Händlern, bis zu 30 Prozent Rabatt auf diese Preise zu geben. Infolgedessen hat es einige unerwartete Entwicklungen gegeben. Große Verlage experimentieren mit den Preisen für ihre elektronischen Bücher, und sie passen sie wöchentlich an die Nachfrage an. Die überraschende Erkenntnis ist, dass elektronische Bücher im Schnitt etwa zehn Dollar kosten – was exakt jener Preis ist, den Amazon anfangs mit Zwang hatte durchsetzen wollte –, dass aber anspruchsvolle Literatur, Sachbücher und Bestseller um die 15 Dollar kosten. Demgegenüber tendiert der Wert anderer digitaler Bücher teilweise gegen null.

Umstritten ist hingegen, welche Folgen die Megafusion von Marktführer Random House und Penguin haben wird. Im vergangenen Jahr gaben die beiden in den USA zusammen 42 Prozent aller Bestseller und 53 Prozent aller Taschenbücher heraus, und insofern dominieren sie den Markt für populäre Bücher. Entsprechend kontrovers wird die Fusion diskutiert, auch nachdem die Kartellbehörden keine Auflagen gemacht haben.

Der Literatur-Agent Georges Borchardt, der Autoren wie Ian McEwan vertritt und vor vielen Jahren mit einiger Mühe einen amerikanischen Verlag für den irischen Dramatiker Samuel Beckett gefunden hat, blickt mit Sorge auf die Fusion: "Literatur, die nicht sofort Erfolg hat, wird es schwerer haben." Borchardt spitzt zu und sagt: "Wenn ich einem Lektor ein Manuskript zeige und davon überzeugt bin, dass es womöglich das Zeug hat, ein Klassiker zu werden, dann wird der Lektor sagen, sein Chef sei nicht daran interessiert, was in zehn Jahren passiert, er müsse jetzt Geld verdienen. Die Konzernbildung führt zu einem anderen Blick auf Literatur." Dem widerspricht Sonny Mehta, der literarische Chef des Knopf-Verlags, der seit langem zu Random House gehört. "Unsere Arbeit mit Autoren hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern. Unsere Lektoren wählen mit derselben Sorgfalt die Manuskripte aus, nach denselben Kriterien und mit derselben Aufmerksamkeit für die Autoren."

Peter Mayer glaubt sogar, dass die Fusion gerade für kleine Verlage überhaupt kein Problem ist. "Große Autoren sind noch nie freiwillig zu kleinen Verlagen gegangen. Wieso sollten sie? Ein großer Autor könnte das nur tun, wenn er nicht sehr an Geld interessiert wäre, aber Autoren sind auch nur Menschen. So ist das im Buchmarkt: Der Löwe frisst die Gazelle."

Aber, sagt Mayer, große Verlage machen Fehler, und es freut ihn sichtlich, dass er den frisch gedruckten Beweis antreten kann. Kürzlich kam er an das Manuskript des Romans The Fasanes, den ein Bibliothekar aus St. Louis geschrieben hat. "Es ist ein wunderbares Buch und eigentlich viel zu gut, als dass wir es hätten bekommen können. Der Hauptfigur passieren irre Dinge, es ist der Ehemann einer Operndiva, die verschwindet, und er sucht sie, so mehr oder weniger." Fünfzehn Verlage hätten das Manuskript abgelehnt, bevor es ihm angeboten wurde, aber The Fasanes sei nun auf der US-Buchmesse von der offiziellen Jury als "Muss" für den Herbst empfohlen worden. "Wir haben schon eine Menge Vorbestellungen." Oder anders gesagt: Größe schützt nicht vor Wettbewerb. Wenn der Löwe schläft, hat die Gazelle ein paar gute Tage.

Mitarbeit: Kilian Trotier