Es war im Programm des Personal Democracy Forum nicht besonders groß angekündigt. Jim Gilliam, Onlineaktivist und Gründer mehrerer Start-ups, sollte am letzten Tag der Konferenz, die sich jährlich im Juni in New York mit Technologie und Demokratie befasst, zum Thema "Die Zukunft des Sharing" sprechen. Jim ist eine auffällige Person: gut zwei Meter groß, schlaksig, Glatze. Er kommt in einem T-Shirt, bedruckt mit dem Konterfei von Abraham Lincoln, auf die Bühne. Vorerst schenkt ihm niemand Aufmerksamkeit, es ist der achte Vortrag in diesem Block, das Mittagessen sponsored by Microsoft wartet auf die Teilnehmer. Die Vorträge handeln meist von neuen Plattformen und Technologien, die die Gesellschaft verbessern sollen. Doch Gilliam hat keine neue Plattform vorzustellen: "Was ich heute mit euch teilen will, ist mein Ringen mit dem Glauben. Als ich aufwuchs, hatte ich zwei große Lieben: Jesus und das Internet." Er erzählt von seiner Kindheit im Silicon Valley und als 'born again Christian', wie seine Mutter ihn zu Hause unterrichtete, um ihn und seine Schwestern vor der säkularen Welt da draußen zu beschützen. Er begann sich für "miteinander sprechende Computer" zu interessieren und inskribierte an der evangelikalen Liberty University.

Der Ton der Rede ist kurzweilig, dann kippt der Ton in nur wenigen Sätzen: "Aber während der Semesterferien blieb mir die Luft weg. Wortwörtlich: Ich konnte nicht atmen. Ich hatte Krebs. Lymphdrüsenkrebs. Ich begann die Chemotherapie sofort, mit meiner Familie und meiner Kirche an meiner Seite. Aber nach zwei Wochen fanden wir heraus, dass auch meine Mutter Krebs hatte. Nach neun Runden Chemo überlebte ich, meine Mutter aber nicht, unsere Familie fiel auseinander und mein Glaube an Gott war erschüttert." Die 800 Menschen im Raum schweigen gebannt, als Gilliam davon erzählt, wie sein Krebs zurückkam, von seiner Arbeit bei einigen der ersten Internetfirmen, von 9/11 und wie er durch das Internet einen Dokumentarfilmer fand, mit dem er eine Antikriegsdoku produzierte, deren Premiere ausschließlich online beworben wurde und Hunderte Menschen anzog.

"Mein Glaube war wiederhergestellt, aber es war nicht Glaube an Gott. Es war der Glaube an das Internet oder genauer, der Glaube an Menschen, miteinander verbunden durch das Internet." Doch der Krebs kam erneut zurück, nur eine Transplantation beider Lungenhälften konnte ihn retten, und das beste Spital an der Westküste weigerte sich, ihn zu operieren. "Ich war wirklich wütend – deshalb habe ich darüber gebloggt." Seine Freunde und Fans lasen davon und begannen E-Mails an das Spital zu schreiben und deren Freunde ebenfalls, und plötzlich bekam er einen OP-Termin. Druck aus dem Internet – von Freunden wie Fremden – hatte dazu geführt, dass das Spital, die Versicherung und das Transplantationskomitee der Operation stattgaben. Die Verbindung zwischen Menschen materialisiert sich in Gilliams eigenem Körper. Er beendet seine Rede mit dem titelgebenden Satz: "Ich habe Vertrauen in die Menschheit. Ich glaube an Gott, und das Internet ist meine Religion."

Tatsächlich könnte man manchmal glauben, dass die Utopisten mit dem Internet Religion substituieren. Internetaffine Menschen sind oft unvernünftig, uneinsichtig und fordern Dinge ein, auf die sie gar kein Recht haben. Facebook-Fans fühlen sich manchmal mehr wie ein Mob an, der kritisiert, anstatt produktiv zu sein. Wir dürfen nicht vergessen: "'Fan' kommt von 'fanatisch'", erklärt Martin Oetting in seinem Vortrag Willkommen im Rattenkäfig.

Es ist eine Generation, die da heranwächst und Organisationen, Unternehmen und der Politik mit einer neuen Erwartungshaltung gegenübertritt. Es sind die "Netzkinder", deren Manifest der polnische Autor Piotr Czerski im April 2012 in der ZEIT ausformuliert hat: "Wir brauchen ein System, das unsere Erwartungen erfüllt, ein transparentes und funktionierendes System. Und wir haben gelernt, dass Veränderung möglich ist: dass jedes in der Handhabung umständliche System ersetzt werden kann und ersetzt wird durch eines, das effizienter ist, das besser an unsere Bedürfnisse angepasst ist und uns mehr Handlungsmöglichkeiten gibt."

Zwar geht diese Einstellungsveränderung von der jüngeren Generation aus, sie ist aber längst auch bei Älteren angekommen. Sie kann nicht mehr als Generationenfrage abgetan werden und das Netz nicht mehr als Spielplatz für Jugendliche. Das macht diese Haltungsänderung so angsteinflößend – weil sie nachhaltig ist. Das Internet ist damit für Organisationen, die das Umdenken noch nicht geschafft haben, ein Ort voller Trolle, die einem ohnehin nur Böses wollen und Marken, Organisationen, Parteien kritisieren, sobald sie einen Fuß ins Social Web setzen. Doch der Fanatismus der Fans kann eine produktive Kraft sein, wenn man sich auf sie einlässt.