Schwule sind auch nur Menschen: keine Perversen, keine Kriminellen und nein, auch keine Bedrohung für den Fortbestand unserer Art. Schwule sind Gleiche unter Gleichen, und deshalb stehen ihnen dieselben Rechte zu wie allen anderen Bürgern auch. – Es hat ein bisschen gedauert, bis sich diese Einsicht in Deutschland durchsetzte. Manche Heterosexuelle glauben auch heute noch, dass ihre sexuellen Vorlieben die Norm seien, während Homosexualität zwar neuerdings tolerabel, aber irgendwie doch unnormal, irgendwie unethisch sei.

Kein Wunder, dass es jetzt Protest gegen das Ja der evangelischen Kirche zur Homo-Ehe gibt. Die EKD hat soeben in einer "Orientierungshilfe" die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft anerkannt und erklärt, dass sie der Ehe ethisch ebenbürtig sei. Sofort empörten sich einige protestantische Politiker der Union und der FDP, unterstützt von Vertretern der katholischen Kirche. Sie fanden, so viel Toleranz sei unchristlich. Rechtliche Gleichstellung der Homo-Ehe – schön und gut. Aber ethische Anerkennung – das gehe zu weit. Die EKD erwecke den Eindruck, "alles sei irgendwie gleichwertig".

Ja, in der Tat. Darauf wollte die evangelische Kirche wohl hinaus: auf die Gleichwertigkeit der Liebe zwischen zwei Menschen, die sich einander in der Tradition der christlichen Ehe verbunden fühlen, die also eine treue und verantwortungsvolle Beziehung leben wollen. Die Liebe wird hier zum Maß der Ehe erklärt, und das christliche Liebesgebot schlägt die christliche Geschlechteranthropologie. Mit den Worten des obersten deutschen Protestanten, des Präses der EKD Nikolaus Schneider: "Aus der Bibel lässt sich keine zwingende Rechtsform ableiten, die vorschreibt, wie Mann und Frau zusammenzuleben haben. Das Miteinander soll in einer bestimmten Qualität gestaltet werden. Wir nennen es heute Verbindlichkeit, lebenslange Verlässlichkeit, Verantwortung und Sorge füreinander, Geschlechtergerechtigkeit. Diese Form des Zusammenlebens braucht eine rechtliche Ordnung wie die bürgerliche Ehe und Familie. Die sollen das Leitmodell bleiben. Allerdings: Alleinerziehende und Patchworkfamilien, die die oben genannten Inhalte leben, gehören in gleicher Weise gewürdigt. Das gilt auch für die Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlich liebender Menschen."

Kann man die Zustimmung zur Homo-Ehe theologisch begründen? Offenbar. Kann man sie theologisch attackieren? Aber natürlich. Das Papier der EKD wird uns gewiss noch viel Zank über das Heiligmäßige, das Unantastbare, das Sakrament der Ehe zwischen Mann und Frau bescheren. Aber brisant an dem Streit ist nicht das dogmatische Klein-Klein, sondern dass die Politik sich päpstlicher gebärdet als der Papst – und dabei das Illiberale ihres Arguments gar nicht bemerkt.

Wer die Homo-Ehe nur juristisch, nicht aber ethisch anerkennt, der macht eine scharfe Trennung zwischen positivem Recht und Ethik. Der unterstellt, dass unsere Rechtsprechung keine moralische Grundlage habe. Das ist falsch. Das ist geradezu zynisch. Denn unser freiheitliches Rechtsverständnis hat als ethische Voraussetzung die Idee der Menschenwürde. Sie schließt die wechselseitige Anerkennung aller Menschen ein.

Dass nun ausgerechnet die evangelische Kirche uns alle daran erinnert, ist eine peinliche, aber auch schöne Pointe. Manchmal hat die alte Kirche der neuen Welt doch noch etwas zu sagen.