Um 17.43 Uhr blinkt in Herndons Posteingang ein Name auf. Carmen Reinhart. "Lieber Thomas", schreibt sie, "im Anhang die Tabelle mit den Daten." Es handle sich um einen "SEHR einfachen" Rechengang. Sie habe nicht früher geantwortet, sorry, aber sie habe mit ihren eigenen Studenten schon genug zu tun.

Der Student stellt fest: Der Professor beherrscht Excel nicht

Herndon klickt auf den Anhang. Langsam baut sich das Tabellenkalkulationsprogramm Excel auf. Zeilen und Spalten voller Zahlen in verschiedenen Farben. Das Programm ist seit bald 25 Jahren auf dem Markt, es wurde immer wieder weiterentwickelt und verbessert. Mit wenigen Mausklicks lassen sich lange Zahlenreihen addieren, multiplizieren, zu komplizierten Gleichungen zusammenfügen. Es geht ganz schnell und sieht so einfach aus.

Herndon braucht ein paar Minuten, um sich zu orientieren. Reinhart und Rogoff haben die von ihnen analysierten Länder nach der Höhe ihrer Verschuldung gruppiert und dann jeweils die durchschnittliche Wachstumsrate ausgerechnet. Deutschland steht in Zeile 42 der Excel-Tabelle, Japan in Zeile 38. Herndon prüft die Zahlen. Gleich wird er feststellen, warum er nicht auf die 90 Prozent kam. Gleich wird er seinen Fehler finden.

Er findet ihn nicht. Aber etwas anderes kommt ihm merkwürdig vor. Die Daten für Australien, Belgien und Dänemark sind in Reinharts und Rogoffs Berechnung nicht enthalten, auch Kanada und Österreich fehlen. Es sieht aus, als ob... ja, tatsächlich, Reinhart und Rogoff haben wohl nicht alle Staaten angeklickt, bevor sie ihren Computer rechnen ließen. Ihre Analysegleichung berücksichtigt zwar die Zeilen 30 bis 44 der Excel-Tabelle, lässt aber die Zeilen 45 bis 49 aus.

Herndon findet eine weitere Ungenauigkeit. Bei den Daten für Neuseeland sind ausgerechnet jene Jahre nicht berücksichtigt, in denen die Wirtschaft des Landes trotz sehr hoher Schulden stark gewachsen ist. Das verfälscht den Durchschnittswert.

Herndon holt seine Freundin. Sie studiert Soziologie. Von Wirtschaft hat sie wenig Ahnung, aber mit dem Computerprogramm Excel kennt sie sich aus. Sie schaut sich die Tabellen an, vergleicht die Daten. Auch sie sieht die Fehler.

"Auf die Seite, auf die Seite, ich habe einen Notfall, auf die Seite!" Augustinos Mouzakitis rennt durch den Krankenhausflur, vor ihm im Bett liegt ein röchelnder Mann, Herzinfarkt, er droht zu sterben, aber Mouzakitis hat keinen Platz, dauernd muss er ausweichen, die Gänge sind voll, Betten stehen herum, leere, kaputte Betten, die niemand repariert, Betten mit Patienten, für die kein Zimmer da ist. Jeden Monat wird das Krankenhaus voller. Denn viele kleinere Kliniken in Athen wurden geschlossen. Mouzakitis kann den Fortgang der Wirtschaftskrise am Gedränge auf den Gängen ablesen.

Fast zwei Jahre sind vergangen seit Schäubles Rede im Bundestag, in Griechenland läuft das sechste Sparprogramm, oder ist es das siebte, das achte? Mouzakitis hat aufgehört mitzuzählen. Seine Frau hat noch immer keinen neuen Job. Arbeitslosengeld erhält sie schon lange nicht mehr, eine Grundsicherung wie in Deutschland die Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Mouzakitis verdient nur noch 880 Euro im Monat, davon muss die Familie nun leben. Bei seinem Schwager hat er sich 400 Euro geliehen, seine Kreditkarte ist mit 1000 Euro belastet, jeden Monat fallen Zinsen an. Weil Griechenland spart, hat Mouzakitis jetzt Schulden.

Thomas Herndon spricht mit seinem Professor. Reinhart und Rogoff hätten sich verrechnet, sagt er, die Studie sei falsch. Der Professor hört ihm zu, runzelt die Stirn. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Student glaubt, er habe eine Koryphäe widerlegt. Rechnen Sie noch mal, sagt der Professor.

Herndon geht erneut die Tabellen durch, es bleibt, wie es ist. Vergessene Zahlen, Klickfehler. Später wird eine Zeitung schreiben, das Computerprogramm Excel verleite geradezu zu solchen Schludrigkeiten. Weil alles so einfach aussehe, sei die Verlockung groß, auf eine strenge Kontrolle zu verzichten.

Schon vor dem Fall Reinhart und Rogoff mussten mehrere Finanzunternehmen ihre Bilanzen wegen Excel-Fehlern korrigieren. Bei einem Investmentfonds vergaß ein Rechnungsprüfer ein Minuszeichen, als er Daten von einem Excel-Rechenblatt auf das andere übertrug – schon war der Wert um Milliarden Dollar gewachsen.

Am 17. April 2013 erscheint in der Financial Times ein Artikel, geschrieben von Thomas Herndons Professor und einem weiteren Ökonomen der Universität. Sie listen Rogoffs und Reinharts Fehler auf. Dann erläutern sie, was passiert, wenn man die Versäumnisse korrigiert: Die Zahl 90 verschwindet. Es gibt keine 90-Prozent-Schwelle mehr. Zwar ist in Ländern mit sehr hohen Staatsschulden das Wirtschaftswachstum tatsächlich etwas niedriger, aber der Unterschied ist zu gering, um eine eindeutige Aussage abzuleiten, außer dieser: Staatsschulden sind manchmal gefährlich und manchmal nicht. Bevor man ein Land zu massiven Sparmaßnahmen zwingt, sollte man lieber etwas genauer hinschauen.

Scharfe Kritik an der berühmten Rogoff-Studie, Wirtschaftspolitik mit Rechenfehler – so lauten jetzt die Überschriften der Zeitungen. Ein Wort für die Affäre um Reinhart und Rogoff ist schnell gefunden: Excelgate, in Anlehnung an den Watergate-Skandal der siebziger Jahre.

Thomas Herndon tritt in Radiosendungen und Fernsehshows auf, BBC und CNN berichten. Nur Rogoff schweigt. Journalisten rufen ihn an, auch die ZEIT versucht, ihn zum Gespräch zu bewegen, Rogoff antwortet nicht, niemandem, wochenlang, monatelang. Seine Kollegen in Harvard sagen, es gehe ihm nicht gut. Er bekomme Hassmails aus aller Welt, die Leute werfen ihm vor, er sei schuld an Arbeitslosigkeit und Armut.

Am 20. Mai 2013, fünf Wochen nach dem Bekanntwerden von Excelgate, veröffentlicht der Internationale Währungsfonds einen Bericht zur Lage in Griechenland. Mehrere Tage lang waren die IWF-Experten durch das Land gereist.

Der Text liest sich wie ein Schuldeingeständnis. Man habe die Wirkung der Sparmaßnahmen falsch eingeschätzt, steht da. Die griechische Wirtschaft erlebe eine "viel tiefere Rezession als erwartet", mit "außergewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit".

Von neuer Stärke ist in Griechenland nichts zu bemerken. Das Land hat fast ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren. Der IWF räumt ein, künftig müsse man mehr Rücksicht auf die individuelle Situation eines Landes nehmen.

Rogoff schweigt noch immer.

Der Weg zu seinem Büro führt an der Statue von John Harvard vorbei, dem Mäzen einer Schule, aus der später die berühmte Universität hervorging. Am Sockel der Statue prangt das Wappen, das überall in den Fakultäten und Instituten hängt: drei offene Bücher, auf jedem eine Silbe des lateinischen Wortes veritas. Wahrheit.

Auf einem dunkelbraunen Plastikschild neben einer abgewetzten Holztür steht "Kenneth Rogoff". Es ist ein Tag in der vergangenen Woche. Die Tür ist verschlossen, seine Assistentin im Büro nebenan sagt, Rogoff sei nicht da. Man solle ihm doch noch einmal eine E-Mail schreiben.

Also ein letzter Versuch: Man stehe auf dem Campus der Uni, ob er nicht doch reden wolle. Nach wenigen Minuten leuchtet Rogoffs Antwort im Posteingang auf. Eine Telefonnummer, ein Satz: "Rufen Sie mich an."

Es wird ein langes Telefonat, das erste Gespräch, das er mit einem Journalisten nach Bekanntwerden seines Fehlers führt.

Rogoff redet schnell, er ist aufgeregt, manchmal schreit er fast. Harte Wörter fallen. Er fühlt sich missverstanden.

Paul Ryan, der Republikaner? "Ich habe ihn nie unterstützt."

Der Sparkurs, für den er jetzt verantwortlich gemacht wird? "Wir haben ganz andere Positionen vertreten."

Rogoff verweist auf ein Interview mit der BBC, in dem er schon 2011 gesagt habe, dass die Sparpolitik in Südeuropa nicht durchzuhalten sei. Er erwähnt einen zweiten Aufsatz, den er und Reinhart im Jahr 2012 veröffentlicht hätten, darin hätten sie ihre Resultate erweitert – und eingeräumt, dass es keine 90-Prozent-Schwelle gebe, dass alles komplizierter sei. Schließlich sei es selbstverständlich, dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse korrigieren, wenn sie neue Erkenntnisse haben.

Tatsächlich, man kann sie nachlesen, diese zweite Studie. Sie ist in einem Fachjournal erschienen, genau wie die erste, sie steht im Internet. Aber anders als die erste Studie hat sie die akademische Welt nie verlassen. Sie ist bei Rogoff geblieben, während die 90 hinausflog zu den Krisengipfeln und Parlamentsdebatten. Vielleicht liegt Rogoffs eigentlicher Fehler darin, dass er nicht versucht hat, die Zahl wieder einzufangen. Aus Scham. Oder aus Angst, seinen Ruf zu verlieren, den er am Ende doch nicht schützen konnte.

Es war, als ob die 90 Prozent eine Sehnsucht stillten. Die Sehnsucht nach einer Welt, in der es keinen Richtungsstreit, kein rechts oder links mehr gibt, sondern nur noch richtig und falsch, in der Politiker zu Ärzten werden, die, weltanschaulich neutral, ihre Therapien allein danach aussuchen, was hilft. Ärzte, die das höhenkranke Europa heilen.

Die Zahl ist weg. Die Krise ist noch da. Dafür hat Thomas Herndon, der Student, der nur eine Seminararbeit schreiben wollte, jetzt einen Wikipedia-Eintrag, in Amerika kommt er bei Google auf elf Millionen Treffer, fünfmal so viele wie sein Professor.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou