DIE ZEIT: Herr Frank, für jene Deutsche, die mit dem Namen Walter Ulbricht noch etwas anfangen können, ist dieser meist die sächselnde Witzfigur mit der Fistelstimme. Wie sehen Sie als Biograf diesen Mann?

Mario Frank: Für mich ist er der zweitschlimmste deutsche Diktator, den es im 20. Jahrhundert gegeben hat. Die Brutalitäts-Rangfolge geht so: Hitler, Ulbricht, Honecker. Ulbricht hat mit eiserner Faust die DDR gelenkt. Es ist heute kaum noch vorstellbar, welche Macht er hatte – und wie er sie benutzt hat.

ZEIT: Wie zum Beispiel?

Frank: Ulbricht griff in politischen Strafverfahren in die Urteilsfindung ein. Einmal strich er ein schon gefälltes Zuchthausurteil durch und machte ein Todesurteil daraus. Oder: Ulbricht schaute sich eines Tages ein Stadtmodell von Dresden an, zeigte auf eine Kirche und befahl, diese abreißen zu lassen, einfach so. Für mich ist erstaunlich, wie andere in ihm heute nur die Witzfigur sehen können oder gar einen, der für soziale Gerechtigkeit gekämpft hat.

ZEIT: Wie kommt es, dass einer wie Ulbricht im Vergleich zu Honecker eher harmlos erscheint oder gar in Vergessenheit gerät?

Frank: Darf ich Sie korrigieren? Ulbricht gehört doch zu den wichtigsten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Manchem Bundeskanzler, Kurt Georg Kiesinger etwa, wird keineswegs mehr Bedeutung zugewiesen. Klar wurde Ulbricht verlacht und verunglimpft wegen seiner eigentümlichen Stimme, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass er jahrzehntelang geherrscht hat. Er war ein Machtmensch par excellence, ein harter Arbeiter, der besessen war von seiner Aufgabe.

ZEIT: Der Publizist Sebastian Haffner sagte Mitte der sechziger Jahre über Ulbricht, dieser sei neben Adenauer der erfolgreichste deutsche Politiker nach Bismarck. Wie finden Sie das?

Frank: Richtig daran ist, dass Ulbricht in seinem Land so viel Macht entfalten konnte wie nur wenige Diktatoren anderswo. Ulbricht hat die DDR-Gesellschaft auf vielfältigste Weise geprägt. Und die Berliner Mauer ist sein Werk. Damit hat er sich durchgesetzt. Es brauchte viele Verhandlungen mit dem sowjetischen Staats-und Parteichef Nikita Chruschtschow. Die Mauer, dieses monströse Bauwerk, hat die Existenz der DDR noch um einige Zeit verlängert.

ZEIT: Nun hat Egon Krenz ein Buch zu Ulbricht herausgegeben, und darin heißt es, zum Mauerbau habe sich dieser erst von den Sowjets überreden lassen.

Frank: Das halte ich für falsch. Es gibt klare Belege dafür, dass es genau umgekehrt war: Ulbricht hat Chruschtschow zum Bau der Mauer gedrängt. Der DDR-Staatschef war es, der sich über die Massenflucht aus seinem Land beklagte – vor allem darüber, dass immer mehr gut ausgebildete Kräfte fortgingen.

ZEIT: Die blutige Niederschlagung des Aufstands am 17. Juni 1953 wird eher den Sowjets angelastet als Ulbricht. Entlastet ihn das?

Frank: Ganz im Gegenteil, Ulbricht vertrat doch seine Hardliner-Politik bis zum Schluss. Die Menschen gingen am 17. Juni auf die Straße, um sich gegen seine Arbeitspolitik zu wehren. Die Sowjetunion musste Ulbricht schließlich sogar zu einem weicheren Kurs zwingen.

ZEIT: War er, wie Krenz nahelegt, auf seine Weise ein Kämpfer für die deutsche Einheit?

Frank: Ulbricht war vor allem ein Kämpfer für die Ausdehnung seiner eigenen Macht. Klar hat er sich ein vereintes Deutschland gewünscht – aber nur unter sozialistischer Vorherrschaft.

ZEIT: Auch wenn Sie Krenz’ Sicht nicht teilen – ist es sinnvoll, dass er die letzten Zeitzeugen und früheren Führungsfiguren befragt hat?

Frank: Ich finde es – bis auf wenige Ausnahmen – generell verdienstvoll, wenn ehemalige Führungskräfte bereit sind, auf ihre Zeit zurückzublicken. Aber eine neue Rechtfertigung der DDR-Nomenklatura oder gar ein Plädoyer dafür, dass es Walter Ulbricht eigentlich gut gemeint und Gutes geleistet hat? Das brauchen wir wirklich nicht mehr. Ulbricht war kein Demokrat, und er war auch kein guter Mensch.