Milliarden von Datensätzen besitzen die Geheimdienste, deren Überwachungsmachenschaften der Whistleblower Edward Snowden in den vergangenen Wochen ans Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt hat. Alles, was im Internet passiert, zweigen sie ab, horten die Daten und versuchen sie auszuwerten. Was das konkret bedeutet? Kaum einer, der das wirklich versteht. Wie sie das machen? Noch komplizierter für den nicht technikversessenen Normalbürger. Klar ist nur: Es ist ein großes, abstraktes Agentenabenteuer.

Das Internet bleibt für die allermeisten ein virtueller Raum. Etwas, das nicht zum Anfassen ist, eine Sphäre, die wir durch unsere Computer erreichen, in der wir leben, aber nicht materiell, sondern mit Klicks und Gedanken. Der Fall Snowden zeigt aber: Das Internet existiert natürlich auch physisch. Plötzlich lesen wir seitenlange Texte über Trassenverläufe in den Zeitungen, sehen Fotos von zerfaserten Glasfaserkabeln, die Kontinente und Länder miteinander verbinden und die Geheimdienste für ihre Kontrollzwecke anzapfen. Von wegen virtuell: Es gibt eine weltweit entscheidende Infrastruktur, ohne die unsere moderne Kommunikationsgesellschaft nicht zu denken ist. Nur kennt sie fast niemand.

Nachdem das Internet zum Massenmedium wurde, vergingen bezeichnenderweise 15 Jahre, bis ein erstes Buch über das haptisch greifbare Netz erschien. Andrew Blum heißt der Autor, Kabelsalat sein Werk. Anlass für seine Recherche, die 2010 begann, war noch kein politischer, sondern ein persönlicher: ein buddelndes Eichhörnchen in seinem Vorgarten.

Dieses Eichhörnchen hatte sich bis zu den Kabelhüllen vorgearbeitet, die unter Blums New Yorker Haus verliefen, an ihnen genagt und seine Internetverbindung gekappt. Für Blum begannen damit die Probleme. Nicht mit dem Internet bei sich zu Hause, das war schnell repariert, aber mit dem Netz im Allgemeinen, mit diesem schwer zu greifenden, dezentral organisierten Etwas. Blum dachte sich: Es kann doch nicht sein, dass wir ohne das Internet nicht leben können, aber nichts von seinem Innenleben wissen. Er zog los, um die Welt des Virtuellen zu erforschen.

Was er entdeckte auf seiner zweijährigen Reise durch die USA, nach Deutschland, in die Niederlande, nach Portugal und England, sind die heiligen Orte unserer hoch technisierten Gegenwart, die unscheinbarer nicht sein können. In Milwaukee etwa, der ersten Station Blums. Besuch in einem Gebäude, das "rappelvoll mit Internet" ist, wie ihm ein Netzwerktechniker schrieb. Zum Internet geht es durch die Hintertür eines Sandwichladens hinunter in den Keller. Summende Neonröhren, angestaubte Karteikarten, ausrangierte Büromöbel und unter der Decke "dicke Stahlrohre mit dem Durchmesser eines Tellers, orangefarbene Kunststoffleitungen, die aussehen wie Staubsaugerschläuche, und hier und da ein einsam herunterhängendes, dünnes schwarzes Kabel".

In diesem Gewirr verlaufen die Glasfaserkabel, die Informationen in Form von Lichtimpulsen übertragen. In einer dunklen Ecke steht ein Stahlkasten, der unaufhörlich blinkt: der zentrale Zugangsknoten für das städtische Netzwerk. Wie an diesem Nicht-Ort in Milwaukee sieht es an all den Orten aus, die Blum besucht. In Ashburn, einer Kleinstadt in Virginia, die zu den größten Netzwerkknotenpunkten der USA gehört. In Frankfurt, wo die wichtigsten europäischen Glasfaserleitungen zusammenlaufen. In London, von wo aus die Internetroute mit dem höchsten Datenaufkommen nach New York verläuft. Überall Kabel, überall Blinklichter oder Riesenrouter in Drahtkäfigen. Banaler geht es nicht.