In Helmuth Plessners Anthropologie des Schauspielers aus dem Jahr 1948 ist die Rede von der "gebrochenen Ursprünglichkeit" des Menschen: Ihm fehle die Instinktsicherheit des Tieres und die Präzision der Marionette. Nur der Mensch habe Würde, denn nur er besitze die ihm eigentümliche gebrochene Stärke, die zwischen Macht und Ohnmacht gespannte zerbrechliche Lebensform. Die Ausbildung und Bewahrung von Würde sei nur möglich im Raum zwischen Macht und Ohnmacht.

Das neue Großessay des Falter-Herausgebers Armin Thurnher, Republik ohne Würde, ist ein sequal zu seinen vorangegangenen Sittenbildern aus Österreich, und man kann dieses Buch als einen fortgesetzten Exkursionsbericht lesen, in dem die unterschiedlichsten österreichischen Lebensformen katalogisiert werden. Diesmal ist der Befund frei von Unentschiedenheit: Dem Land fehle die Würde, weil sich die öffentlich zur Schau stellende Personage durchwegs machtgeil oder ohnmächtig gebe und weil dazwischen kein Raum mehr bestehe. Am Ende seines letzten Buches Heimniederlage hatte Thurnher noch das Programm eines "paradoxen Patriotismus" benannt und gefragt: "Wie anders als ausweichend sollte man in einem Land reagieren, wo die Logik welkt und die Lügen blühen, wo die Politik eingeht und die Paradoxa im Saft stehen?"

Inzwischen ist ihm Patriotismus jeglicher Spielart gründlich vergangen. In zehn Kapiteln sondiert er das Terrain, legt zunächst durch den Versuch einer Begriffsbestimmung die Marschroute fest, um dann locker, aber mit festem Schritt zwischen Europa, der Landesverteidigung, Krankheit und Tod, dem Skandal der österreichischen Medien, Stéphane Hessel und Sozialen Netzwerken hin und her zu wandern. Im abschließenden "zögerlichen Alphabet republikanischer Würde" findet das Buch schließlich seinen Ausgang. Zwischen die einzelnen Kapitel sind Exkurse aus dem "Tagebuch verlorener Würde" eingefügt, in denen Thurnher einige seiner persönlichen Niederlagen ausbreitet.

Das Kernstück des Buches ist indes eine "Wirtshaustirade" über Korruption und Skandale des letzten Jahrzehnts. Und hier zeigt der Journalist, was er den Politikwissenschaftlern und Soziologen voraushat: Präzise und rücksichtslos wird abgespult, was sich diese Republik an Zumutungen in den letzten Jahren hat gefallen lassen müssen. Vom Bruch des Wahlversprechens durch Wolfgang Schüssel bis hin zu den Eurofighter-, Telekom-, Bawag-Affären wird hier ein Bild gezeichnet, das auch bei Leuten mit großem Phlegma der retrograden Peristaltik zum sofortigen Erbrechen führen muss. Dieses Bild zeigt aber auch eine Republik im moralischen Sturzflug, eine tugend- und anstandslose politische Clique, die, kaum gebremst von Justiz oder Protest, das Land ruiniert. "So schaut sie aus, unsere Republik, und im Fernsehen krönen sie den Wahnsinn mit hirnlähmenden Runden voller Parteisekretären und unerträglichen Experten. Ein Herablizitieren der politischen Würde ist das, ein dignitätsfreier Rundenreigen, und die Wette gilt, dass wir uns in den nächsten Wochen an Würdelosigkeit noch unterbieten", prophezeit Thurnher für die im Herbst anstehende Nationalratswahl.

In den Jahren seit dem Antritt der schwarz-blauen Wenderegierung wurden Land und Leuten Niederlagen zugefügt, von denen sich die Republik auf absehbare Zeit wohl nicht wird erholen können. Gesinnungslosigkeit bei der Volkspartei geht einher mit Gedankenlosigkeit bei den Sozialdemokraten, lautstark begleitet von der demagogisch-populistischen Rechten. Den österreicherischen Bürgern, denen es im internationalen Vergleich nach allen maßgeblichen wirtschaftlichen Indikatoren besser geht als fast allen anderen Menschen auf diesem Planeten, sind die Gefühle immer noch und bis auf Weiteres die einzige Richtschnur ihrer Haltungen und Erwartungen: "Tendenziell regiert weniger demokratische Politik als populistisches Ressentiment."

Die in allen Sonntagsreden im Mund geführte "Würde" lässt sich idealistisch als ein bestimmter Ausdruck in der Erscheinung der Geistesfreiheit bestimmen. Fehlt es an Letzterer, kann’s mit Ersterer nicht weit her sein. Gewiss, eine Welt, in der wir immerfort nach Würde suchen müssen, um das Unwürdige entsprechend denunzieren und bekämpfen zu können, ist keine gute Welt. Thurnher hat seinen Karl Kraus gelesen und weiß, dass die Überwindung der Menschenwürde die Voraussetzung des Fortschritts ist. Den Klugen und den Versorgten schmerzt das Würdelose, er sieht sich in seiner Geistesfreiheit blamiert. Was aber wollen und können die Dumm-Gemachten und die in ein ständiges Prekarität Gedrängten?

Was ein Mensch ist – weder instinktsicheres Tier noch fädengezogene Marionette –, besitzt Würde. Und diese Würde hat er nicht mehr oder weniger, sondern er hat sie – oder sie wird ihm genommen. Deshalb ist auch schon der nur ein wenig Gefolterte völlig entwürdigt; man nimmt dem Gefolterten dann nicht bloß einen kleinen Teil seiner Würde, sondern man macht ihn gänzlich würdelos. Das ist der Sinn der Rede von der "Unantastbarkeit der Menschenwürde". Dem Staat indes, einerlei, wie sehr er von anstandswilligen und haltungsgetragenen Politikern bevölkert wäre, kommt Würde niemals zu. Die Rede von der "Republik ohne Würde" ist der Sehnsuchtsruf eines Geistesarbeiters, der an der Verkommenheit und Haltungslosigkeit in diesem Land verzweifelt. Als Messlatte zur Bewertung des politischen Systems ist die Würde aber untauglich.

Thurnher bietet eine Phänomenologie der Würdelosigkeit, unausgewogen, konservativ, stellenweise etwas wehleidig, immer gut bis treffend, mitunter auch mitreißend formuliert. Rezepte gibt es von Thurnher allerdings nur in den Kochbüchern, die er auch gelegentlich veröffentlicht.