Jazz, da einst von Schwarzen erfunden, gilt nach wie vor erstaunlich wenig in Amerika. Gehuldigt wird ihm in Europa, besonders in Deutschland, das er nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Gleichschritt der Militärmärsche zu befreien half. So lässt sich erklären, warum dieses schöne Buch in Köln erscheint statt in Chicago oder New York. Arne Reimer, ein aus Schleswig-Holstein stammender Fotograf, Autor und Schlagzeuger, hat fünfzig alte bis steinalte Jazzmusiker an verschiedenen Orten der Vereinigten Staaten von Amerika besucht, die meisten von ihnen zu Hause. Seine Begegnungen fasst er in so beiläufigen wie präzis beobachtenden Texten zusammen, die er mit großformatigen, ebenso unaufgeregten Bildern illustriert. Das Resultat ist eindrücklich, auch, weil es nie um die Bewerbung einer neuen Platte oder einer anstehenden Tournee geht, sondern um die Momentaufnahme eines Lebens.

Wie unterschiedlich diese Leben sind! Der Schlagzeuger Louis Hayes, Jahrgang 1937, zeigt sich barfuß im weißen Hemd in seiner Wohnung hoch über dem Hudson River. "Ich will weiterhin Schlagzeug spielen", sagt er gut gelaunt. "Weniger spielen kann ich immer noch." Der gleichaltrige Idris Muhammad in New Orleans hingegen, zwei Zimmer, Strohhut und Puschen, hat sich vom Schlagzeug zurückgezogen mit ähnlich gutem Argument: "Ich habe doch schon alles gespielt."

Zu einem Höhepunkt wird die Visite bei Cecil Taylor. Der Autor erscheint nach diversen vergeblichen Anfragen eines Abends schließlich unangemeldet vor dem Haus des Pianisten in Brooklyn und versucht es mangels funktionierender Klingel mit Klopfen. Der 83-Jährige öffnet ihm in T-Shirt auf Strümpfen, nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen. "Komm rein!" So spontan hat er alle Zeit der Welt. Stundenlang erzählt er seinem plötzlichen Gast Geschichten, um ihn erst morgens um fünf zu entlassen, als dem schon die Augen zufallen.

Die kurze Schilderung enthält mehr Jazz als manches Lehrbuch. Anders als das längliche Vorwort des sehr deutschen Jazzverstehers Roger Willemsen liest sie sich auch sehr erfrischend.