Die im Dunkeln sieht man nicht. Und die auf den billigen Plätzen, in der letzten Reihe der Ferienflieger, fallen nicht weiter auf. Das hoffen jedenfalls die deutschen Asylbehörden, wenn sie sich auf dem Luftweg und ohne Aufsehen einiger unbequemer Flüchtlinge zu entledigen versuchen. Immer wieder gibt es unglückliche Menschen, die es zwar geschafft haben, aus Ländern wie dem Iran oder Pakistan zu entkommen. Aber leider geraten sie auf ihrer Flucht vor Diskriminierung, vor politischer Haft, vor Folter in die Fallstricke des europäischen Asylrechts.

Die entsprechende EU-Verordnung heißt Dublin III, und ihr Kern ist die Drittstaatenklausel. Die besagt, dass ein Flüchtling in jenem EU-Land seinen Asylantrag stellen muss, das er zuerst betreten hat. Landet er in Ungarn, Griechenland oder Italien, wo die Regierungen überfordert und die Lebensbedingungen für Flüchtlinge oft unerträglich sind, und macht sich dann weiter auf den Weg nach Deutschland, hat er hier kein Recht auf Zuflucht. Die deutschen Behörden sind nicht zuständig. Sie schicken ihn zurück, eben nach Ungarn, Italien oder Griechenland. Die Drittstaatenklausel ist also eine K.-o.-Klausel. Heribert Prantl hat sie in der Süddeutschen Zeitung als "schärfste rechtspolitische Waffe seit der Erfindung der Guillotine" bezeichnet. Das klingt ein bisschen sehr blutig. Doch in der Tat: Es nützt einem Flüchtling nichts, zu Hause gefoltert worden zu sein, es nützt ihm nichts, wenn die akute Todesgefahr für den Fall seiner Abschiebung erwiesen ist – allein sein Weg interessiert die Behörden. Wenn er auf der Flucht falsch ausgestiegen ist, wird er bei uns keine Aufnahme finden.

Das ist brutal. Das ist Gesetz. Und dass Gesetze brutal sein können, wusste schon Friedrich Hegel, einer der geistigen Väter unseres freiheitlichen Rechtsstaates, der erklärt hat, dass im Prozess der Verrechtlichung auch Unrecht geschehen kann. Das heißt: Einzelne Menschen können in den Zustand vollkommener Schutzlosigkeit geraten. Sie sind dann Ausgestoßene. Im römischen Strafrecht hieß dieser Status "Homo sacer". Hegel sagt, solches Unrecht lässt sich nicht ausschließen. Aber er sagt nicht, wir müssen uns damit abfinden. Denn außer dem Recht und der Realität gibt es auch noch das Gewissen.

Deshalb klappt die Abschiebung von Flüchtlingen manchmal doch nicht. Auch wenn sie ganz hinten, in der allerletzten Reihe der Ferienflieger sitzen, fallen sie manchmal jemandem auf. Man kann nämlich als Tourist buchstäblich gegen die europäische Abschiebepraxis aufstehen. Man stellt sich einfach hin, dann darf das Flugzeug nicht starten. So ist es in Deutschland jetzt mehrfach geschehen. Die Website No Deportation verzeichnet zwischen dem 20. und 26. Juni drei Fälle von zivilem Ungehorsam. Politische Aktivisten hatten auf den Flughäfen Zettel verteilt und die Passagiere über die Abschiebungen informiert. So wurde in München, Berlin und Hamburg verhindert, dass ein Afghane, ein Pakistaner und ein Iraner ausgeflogen wurden, bloß weil das Gesetz es hergibt. Was heißt das? Dass Gesetze Makulatur sind? Nein. Aber Gesetze können so eklatante Makel haben, dass es richtig ist, sich ihnen zu widersetzen.

Man nennt das auch den Aufstand des Gewissens. Er erfordert immer noch Mut. Denn wer einen solchen Flug verhindert, kann mit Geldbußen bis zu 25.000 Euro bestraft werden. Trotzdem fanden sich in Deutschland Menschen, die das riskierten. Dabei wollten sie nur in den Urlaub. Aber dann haben sie entschieden, sich umzudrehen und den, nun ja: den Opfern unseres Asylrechts ins Auge zu sehen.