Die Diagnose ist gestellt. Und jetzt? Ist die Kluft überhaupt zu schließen? Die Bildungsforschung antwortet mit einem "Jein". Der Staat kann keine Wunder vollbringen, er wird die Unterschiede zwischen armen und reichen, umsorgten und weniger geförderten Kindern nie ganz aufheben können. Aber das Bildungssystem, da sind die Ergebnisse eindeutig, ist mitverantwortlich dafür, wie tief die Kluft ist. Nur in vier anderen Industriestaaten – Belgien, Chile, Türkei und Ungarn – sind die Chancen der Kinder so sehr vom Status der Eltern abhängig wie in Deutschland.

Es gibt Studien, die untersuchen, wie vielen Kindern es gelingt, trotz widriger Umstände gute Leistungen zu erzielen. In Finnland überwinden 46 Prozent der eigentlich benachteiligten Kinder die Kluft, in Deutschland nur 23 Prozent. Was also müsste hier anders laufen?

Mehrere Studien legen nahe, dass der Staat möglichst früh möglichst viel in Bildung investieren müsste. Das Geld sollte vor allem bei denen landen, die keinen günstigen Start hatten. In der US-amerikanischen Kleinstadt Ypsilanti im Bundesstaat Michigan begann 1962 ein inzwischen berühmtes Experiment. Ein Forscherteam teilte Kleinkinder aus den ärmsten Familien der Stadt per Losentscheid in zwei Gruppen ein: Die eine beobachtete man nur; die andere durfte einen kostenlosen Halbtagskindergarten besuchen, ihre Erzieher waren gut ausgebildet, der Betreuungsschlüssel war ideal. 40 Jahre lang verglichen Forscher die Leben jener Kinder, die zwei Jahre lang bestmöglich gefördert wurden, mit denen, die das Pech hatten, nicht in den Kindergarten gelost worden zu sein. Der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman wertete die Studien aus. Sein Ergebnis: Die geförderten Kinder fanden bessere Jobs, zahlten mehr Steuern, brauchten weniger staatliche Unterstützung, und sie wurden seltener kriminell.

Die Kleinstadt Ypsilanti ist weit weg, das Jahr 1962 längst Vergangenheit, doch die Leiterin des Wissenschaftszentrums Berlin, Jutta Allmendinger, kommt nach der Auswertung zahlreicher Statistiken zum selben Fazit: "Erstens, je früher wir im Lebenslauf in Bildung investieren, umso höher sind die Erträge. Die Erträge von früher Bildung sind, zweitens, vor allem für benachteiligte Gruppen hoch."

Der deutsche Staat setzt mit seiner Bildungs- und Familienpolitik derzeit aber ganz andere Anreize: Er zahlt viel Geld direkt an die Familien und gibt vergleichsweise wenig für eine gute Infrastruktur aus. Kindergeld, Kinderfreibeträge, Elterngeld und Betreuungsgeld – das alles kostet und kommt, entgegen der Forderung vieler Bildungsforscher, nicht in erster Linie denen zugute, die es besonders nötig hätten. "Kinder werden von Geburt an ungleich alimentiert", schreibt Jutta Allmendinger. "Und zwar nicht entgegen dem Einkommen ihrer Eltern, um so einen Ausgleich zwischen den sozialen Schichten zu schaffen, sondern entsprechend dem Einkommen der Eltern."

Nur 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts investiert der Staat in Kindergärten. Das ist die Hälfte dessen, was die OECD empfiehlt. Und viel weniger als Länder wie Dänemark (2,1 Prozent), Schweden (1,7 Prozent) und Frankreich (1,2 Prozent) für die frühe Bildung der Kleinsten ausgeben.

Zudem leistet sich Deutschland einen Flickenteppich aus pädagogischen Konzepten und Systemen. Die Bundesländer muten Lehrern und Schülern ständige Reformen zu. Auch das, vermuten Bildungsforscher, schade vor allem schwachen Kindern. Denn sie brauchen starke Erzieher und Lehrer, die sich ihrer Rolle sicher sind. Der Neuseeländer John Hattie wertete 800 Schüler-Studien aus, sein Ergebnis ist eindeutig: Für den Bildungserfolg der Schüler ist der Lehrer entscheidend. Er sollte den Unterricht steuern und klar strukturieren. Und: Er sollte an seiner Haltung arbeiten. Viel zu viele Lehrer machten vor allem ihre Schüler (und deren Eltern) für schleppende Lernfortschritte verantwortlich. Interessanterweise reden viele deutsche Lehrer ihre Bedeutung klein: 48 Prozent antworteten in einer Allensbach-Umfrage, sie hätten wenig oder gar keinen Einfluss auf den Erfolg ihrer Schüler.