Deutschland geht es wirtschaftlich gut, besser als dem Rest Europas. Das war ein Glück für die schwarz-gelbe Bundesregierung. Sie hatte viel zu verteilen. ZEIT-Autoren sind der Frage nachgegangen, wer davon profitiert hat und für wen die Koalition in den vergangenen Jahren Politik gemacht hat.

Das Ergebnis überrascht: Diese Regierung hat viel für Studenten und Wissenschaftler, für Kranke – und Reiche getan.

Zu erwarten wäre gewesen, dass sie die Steuern senkt. Die Finanzlage ist ausgezeichnet – und die FDP regiert mit. Stattdessen ist die Steuerpolitik das vielleicht beste Beispiel für die fortwährende Zwietracht: Niedrigere Steuern forderte die FDP, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wollte lieber den Haushalt sanieren. Monatelang ging das so. Monatelang stritten CDU und FDP auch darüber, wie moderne Familienpolitik aussehen soll, ob man ein Betreuungsgeld braucht (das kam) oder eine Frauenquote (die kam nicht). Dasselbe Muster wiederholte sich bei der Debatte um den Umbau der Bundeswehr.

Bisweilen wirkte es so, als habe diese Regierung neben dem reinen Machterhalt kein einziges gemeinsames Projekt oder auch nur eine gemeinsame Idee: Wirtschaftsminister und Umweltminister beschuldigen sich gegenseitig, die Energiewende nicht im Griff zu haben. Dabei hätte diese zum Vorzeigeprojekt der Regierung werden können. Als Angela Merkel (CDU) nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima den Atomausstieg durchsetzte, besiegelte sie nicht nur das Ende der Kernkraft in Deutschland. Die Kanzlerin setzte damit in seltener Entschiedenheit auch das seit Jahrzehnten größte industriepolitische Projekt des Landes in Gang.

Nur kümmerte sich Merkel anschließend wenig ums Konkrete, sodass Deutschlands Energieversorgung heute eine gewaltige Baustelle ist, die nach der Wahl aufgeräumt werden muss.

Nicht ganz so offensichtlich, aber nicht weniger groß sind die Aufgaben, die diese Regierung in der Sozial- und Familienpolitik hinterlässt. Denn die vergangenen vier Jahre waren von Widersprüchen geprägt. Nur ein Beispiel: Während die Kanzlerin das Familienbild ihrer Partei sanft, aber sicher modernisierte und sich für mehr Krippenplätze aussprach, machte ihre Familienministerin Kristina Schröder altmodische Politik. Sie begann mit einer Erhöhung des Kindergeldes, obwohl ihr die eigenen Experten sagten, dass Eltern und Kinder andere Leistungen viel dringender brauchten: gute Kindergärten oder überhaupt einen Betreuungsplatz. Schröder will das Kindergeld trotzdem noch weiter aufstocken und hat zudem ein Betreuungsgeld durchgesetzt, das Familien bekommen, die ihren Nachwuchs zu Hause erziehen, statt ihn in einen Kindergarten zu schicken.

Die negativen Effekte ignoriert Schröder: Erstens werden Frauen vom Arbeitsmarkt ferngehalten. Und zweitens schmälert es erwiesenermaßen die Bildungschancen von Kindern aus armen Familien. Dabei kritisiert die OECD, das Forschungsinstitut der führenden Industrienationen, regelmäßig, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland im Laufe ihres Lebens schwerer sozial aufsteigen können als in anderen Ländern.

Wie die Regierung die Schwachen, die Jungen und die Benachteiligten fördern sollte, ist in den vergangenen Wochen zum ersten ernsthaften Wahlkampfthema geworden. Darauf hat die Bundeskanzlerin reagiert und für die kommende Regierungszeit eine Menge sozialer Wohltaten versprochen.

Vielleicht ist aber die Bilanz von Schwarz-Gelb ein viel besserer Indikator dafür, welche Politik eine wiedergewählte Koalition verfolgen würde.