DIE ZEIT: Herr Tellkamp, Thomas de Maizière kommt aus einer besonderen deutschen Familie: die Mutter Künstlerin, der Vater Generalinspekteur der Bundeswehr, sein Cousin Lothar der letzte Ministerpräsident der DDR. Er selbst war Kanzleramts-, Innen- und Verteidigungsminister. Wäre die Familie de Maizière einen Roman wert?

Uwe Tellkamp: Unbedingt. Sie spielt tatsächlich in meinem neuen Roman eine Rolle. Es schien mir fast unvermeidlich, weil sich in dieser Familie so viel konzentriert. Da treffen sich im wahrsten Sinne Osten und Westen, und ich merke immer mehr, dass das eine Spiegelgeschichte ist.

Thomas de Maizière: Jetzt bin ich wirklich überrascht. Ich lese Romane sehr gerne, aber mich als Romanfigur, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich glaube, dass uns die Veränderungen nach der Wende inzwischen mehr prägen als die jeweiligen Erfahrungen in der Bundesrepublik und in der DDR davor. Deshalb bin ich sehr gespannt auf Ihr Buch. Die Ostdeutschen hatten übertriebene Vorstellungen, die Westdeutschen erwarteten Anpassung, oft arrogant. Dann kam das Erstaunen darüber, dass ein neues Deutschland entstand und nicht einfach ein erweitertes Deutschland. Wolfgang Thierse wurde als ostdeutscher Spitzenpolitiker noch als etwas Besonderes wahrgenommen, inzwischen ist es völlig normal, dass mit Angela Merkel und Joachim Gauck zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates stehen.

ZEIT: Nicht nur Politiker prägen das Land, auch Sie, Herr Tellkamp, haben mit Ihrem Roman Der Turm den Blick auf das Land beeinflusst.

De Maizière: Und wie!

Tellkamp: Ich bekomme viele Angriffe wegen des Buches. Es wird kritisiert, dass gewisse Aspekte nicht berücksichtigt würden. Aber das eine Bild der DDR kann es nicht geben – übrigens auch nicht das eine von der alten Bundesrepublik. Das Spezifische in dieser Geschichte liegt für mich darin verborgen, dass eine Wirtschaft de facto pleitegegangen ist. Die wirklich krasse Aussicht darauf, was es bedeutet, wenn ein Staat zugrunde geht, ist uns aber Gott sei Dank erspart geblieben. Deshalb baut sich bei einigen Nostalgie auf. Das merke ich immer noch, 23 Jahre später. Manche sagen, alles sei früher viel besser gewesen, es sei alles verscherbelt worden. Dagegen wehre ich mich vehement. Diese verklärende Sicht stört mich.

De Maizière: Für den westdeutschen Teil des Landes gilt das natürlich auch. Wenn wir zum Beispiel über die sicherheitspolitische Verantwortung Deutschlands reden, dann gibt es da auch Nostalgie, und viele sehnen sich in eine Zeit zurück, in der wir uns raushalten konnten. Das ist verständlich, aber es wird der Lage nicht mehr gerecht.

Tellkamp: Das war ja auch lange bequem. Man muss nichts machen, man kann schön vor sich hin wachsen, man muss nicht die bittere Erfahrung machen, dass Krieg real ist. Man muss keine Interessen wahren. Da gibt es ein Missverhältnis zwischen den Interessen, die jedes – ich sage bewusst: Volk – hat, und der Scheu, diese klar zu benennen. Das ist mir oft zu verschwiemelt. Für mich ist das eine Frage der Verantwortung. Französische Freunde sagen mir: Ihr müsst erwachsen werden.

ZEIT: Herr Tellkamp, wie gefällt Ihnen das Wort "dienen", das Herr de Maizière zum Motto der Bundeswehr gemacht hat?

Tellkamp: Das ist natürlich furchtbar pathetisch, und ich äußere das ungern, aber ich sage Ihnen den Satz jetzt mal ganz unverstellt in den Raum hinein: Der alltägliche Dienst ist Tapferkeit. Ich sitze täglich an meinem Schreibtisch und diene meiner Arbeit. Punkt.

De Maizière: Dienst ist für mich weniger als Tapferkeit. Dienen bedeutet nicht Diener sein, sondern es heißt Verpflichtung, ein Amt haben. Nicht Selbstverwirklichung, sondern sich zurücknehmen für etwas Größeres. Jede Institution ist auf einen solchen Dienst angewiesen, sonst geht eine Gesellschaft kaputt. Es steht einer modernen Gesellschaft gut zu Gesicht, das so zu formulieren.

ZEIT: Wir leben in postheroischen und unpathetischen Zeiten. Brauchen wir heute noch Helden?

De Maizière: Jede Gesellschaft braucht Vorbilder. Und da ist mir ein Held lieber als ein Schlagerstar.