Trotz luxuriöser Eintrittspreise ausverkaufte Säle, davor in Windeseile leer gekaufte Büchertische mit anspruchsvoller Literatur: Wer an die Krise des Denkens glaubt, der hatte es in Köln am vergangenen Wochenende nicht ganz einfach. Über 8.000 Besucher kamen zum phil.Cologne, dem erstmals ausgerichteten internationalen Festival der Philosophie mit über vierzig Veranstaltungen. Nun weiß der Kulturkritiker zwar seit Längerem, dass nicht zuletzt aufgrund der grassierenden Seuche Festivalitis das Abendland gerade untergeht. Aber die hochgestimmten Pärchen, die einen sonnigen Samstagabend nicht irgendwo am Rhein, sondern in Massen ausgerechnet in einer Camus-Revue verbringen, sind ja ein schönes Zeichen – auch wenn Camus es vermutlich vor so einer Revue gegraut hätte. Es liegt an der rheinländischen Mentalität dieser Stadt, an ihrer römischen Vergangenheit, dass hier der Wille zur unbeschwerten Vergemeinschaftung nicht nur zur Karnevalszeit herrscht. So wirft Köln alle Theorien über zunehmende Vereinzelung und sich verschärfenden Egoismus in der Spätmoderne über den Haufen. Der Publikumserfolg des Literaturfestivals lit.Cologne hat hier seine Wurzeln; ebenfalls jährlich will jetzt die phil.Cologne von Köln als geistiger Lebensform profitieren.

Auch das denkende Volk braucht nach römischer Sitte Spiele: Zweimal gab es die hoch professionelle Richard-David-Precht-Show, für die jeweils 650 Leute zwischen 18 und 31 Euro Eintritt zahlten. Sahra Wagenknecht und Oskar Negt machten sich erwartbar einträchtig Gedanken um die Zukunft der Arbeit, Frank Schirrmacher und Ranga Yogeshwar sorgten sich um uns Marionetten im Netz. Kaum weniger effektvoll die These von Rüdiger Safranski, der mit dem Gefängnisarzt und Tatort-Mediziner Joe Bausch über das Böse sprach: Der Erste Weltkrieg wäre ausgefallen, wenn es zur fraglichen Zeit schon eine Fußballweltmeisterschaft gegeben hätte, mit Deutschland als Sieger.

Dass sich Seriöses mit Abwegigem mischt, macht ja den Reiz einer solchen Veranstaltung aus. Weltanschauung und intellektuelle Durchdringung können hier einem größeren Publikum vorgeführt werden als auf wissenschaftlichen Tagungen; ein Philosophie-Slam überraschte gar mit kunstvollen, interessanterweise allesamt von Männern dargebotenen 5-Minuten-Essays. Oft wurde ja zuletzt ein neues Interesse an Philosophie diagnostiziert; die Bestsellererfolge Prechts, aber auch die populären Zeitschriften Hohe Luft und Philosophie Magazin dienen als Beleg. Zwei Trends jedenfalls waren auf diesem Festival erkennbar: zum einen die Hoffnung des Publikums auf eine Melange aus Erlebnis und Erkenntnis, wie vielleicht zuletzt vor einhundert Jahren bei Georg Simmel und Rudolf Eucken, zum anderen die verschärfte Kultur- und Gesellschaftskritik als Erfolgsrezept beim öffentlichen Denken. Ob man nun dem Sozialpsychologen Harald Welzer oder den Philosophen Robert Pfaller und Byung-Chul Han zuhörte: Ökonomismus, Moralismus, Ökokatastrophe und digitale Diktatur tauchten überall als Bausteine der jeweiligen Krisendiagnosen auf – trotz allseits guter Stimmung mangelte es an Hoffnung in den Menschen.

Derweil suchte man ein paar hundert Kilometer weiter südlich nach den Möglichkeiten, unserer Gegenwart treffende Diagnosen zu stellen: In Marbach hatten sich zur gleichen Zeit Soziologen und Philosophen versammelt, um die klassische Frage "Kritik in der Krise?" zu diskutieren. Von Krise der Kritik konnte keine Rede sein: So stimmungsvoll beschrieb der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa die gegenwärtige Lage; überall sei eine "Eskalationslogik" am Werk, mit sinnlosem Zwang zum Wachstum in einer "Welt, die uns nicht antwortet, kalt, tot, blass" – dagegen müsse man neue "Resonanzen" unter den Individuen schaffen. Dafür erntete er von den Philosophen Rahel Jaeggi und Alexander García Düttmann Widerspruch: Zu nostalgisch klang das nach klassischer Verfallsrhetorik, zudem jeder ja auch eher unschöne Resonanzen kennt. Die Welt aus den Angeln zu heben bleibt offenbar die schwierigste philosophische Übung – und in Köln hatte ausgerechnet der Astronaut und Physiker Reinhold Ewald philosophischen Trost parat. Es sei ja ein Wunder, wie gut unser Geist und unser Körper in der völlig fremden Schwerelosigkeit des Alls zurecht kommen – und wie gut gefügt unser Planet von dort oben aussehe: geschieden in Wasser und Land, Licht und Dunkel.