In großen Kunstmuseen kann man neben den Originalen alter Meister mitunter Werke aus deren Werkstatt sehen, gemalt von Gehilfen, die die stilistischen Grundzüge ihrer Arbeitgeber imitieren konnten, ohne aber deren Genie zu besitzen. Manche dieser Arbeiten wurden lange den großen Künstlern selbst zugeschrieben – bis man es irgendwann besser wusste. Für Fliegende Liebende, den neuen Film von Pedro Almodóvar, wünscht man sich eine ähnliche Enthüllung: Es möge bald jemand herausfinden, der Meister sei bei den Dreharbeiten gar nicht zugegen gewesen; auch das Buch stamme nicht von ihm; nur aufgrund undurchsichtiger Geschäfte laufe der Film unter seinem Namen.

Aber das Wünschen hilft ja nichts, Fliegende Liebende ist wahrhaftig von Almodóvar geschrieben und inszeniert. Und wirkt dabei doch bestenfalls wie der leblose Klon eines wahrhaftigen Almodóvar-Werks. Das nimmt man fast verzweifelnd zur Kenntnis – auch deshalb, weil einem der überraschende Genrewechsel, den der Regisseur mit diesem Film vollzieht, spontan einleuchtet. Fliegende Liebende ist eine Komödie, so herrlich turbulent gedacht wie einst Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nach den letzten, etwas steif und streng zusammengelöteten Melodramen Zerrissene Umarmungen und Die Haut, in der ich wohne wirkt dieser Schwenk wie ein Befreiungsschlag. Raus aus dem Käfig, locker machen, rein ins Vergnügen. Oh ja, da hätten wir uns gerne mitreißen lassen.

Aber die Stimmung bleibt am Boden, wenn auch die Story bald in den Himmel abhebt. Weite Teile des Films spielen im Inneren einer spanischen Maschine mit Zielort Mexiko, die aufgrund eines technischen Defekts hoch über der Mancha kreisen muss, bis irgendwann hoffentlich eine Notlandebahn frei wird. Almodóvar besetzt erste Klasse, Kabine und Cockpit mit Gestalten wie aus eigener Züchtung: einer Domina etwa, die im Auftrag eines hohen kirchlichen Würdenträgers reist; einer Seherin von gut vierzig Jahren, die endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren will; einem mexikanischen Killer, der ein Sexidol seiner Jugendjahre umlegen soll. Betreut werden diese und ein paar andere grob konturierte Personen von drei schwulen Flugbegleitern, die, ach je, sehr schwul tun, zum alten Pointer-Sisters-Hit I’m so excited den Fluggästen sogar etwas vortanzen und nebenbei mit den beiden Piloten rummachen. Es ist viel von Schwänzen die Rede (zu sehen sind keine), es gibt Drogencocktails, und ein halbes Dutzend Figuren bekommt früher oder später die Gelegenheit zum gefühligen Auspacken, darunter ein betrügerischer Bankdirektor, der eigentlich vorhatte, außer Landes zu fliehen, sich schließlich jedoch der Polizei überantworten will.

Nur mit dieser Figur streift Almodóvar kurz die aktuelle Lage seines eigenen Landes. Ansonsten lässt er die Krise weit unter den Wolken zurück. Das ist sein gutes Recht. Ohnehin würde man ja von ihm keine Sozialsatire erwarten. Und doch fällt die Entrücktheit des Stoffes irgendwann unangenehm auf, vermutlich, weil Almodóvar seinen Komödienflieger betankt oder wenigstens zu parfümieren versucht mit dem subversiven Geist seiner frühen Filme. Er scheint noch immer darauf zu bauen, dass sein Personal als extrem rüberkommt und die schwule Erotik das Publikum auch ohne Pointen ordentlich zum Japsen bringt. Das ist gute dreißig Jahre nach der Madrider movida, dem großen Aufbegehren der spanischen Subkultur, ein nostalgischer Irrglaube.

Einst hat Almodóvar selbst, bevor sie zur Masche wurden, seine Komödienstoffe Schritt für Schritt zu großartigen Melodramen weiterentwickelt. Jetzt hat er sich, nicht ohne Grund, den Absprung aus dem Melodram verordnet – und will ihn offenbar mit einer einfachen Rolle rückwärts hinbekommen. Heraus kommt ein Film, dessen Haltbarkeitsdatum schon zur Erstaufführung längst abgelaufen scheint.

Weiß der Regisseur am Ende selbst, dass sein Fluchtplan nicht trägt? Die defekte Maschine, die über Almodóvars Heimat ziellos Kreise zieht bis zur Notlandung: Es sollte fast mit dem Teufel zugehen, wenn sich hinter diesem Motiv keine selbstkritische Großmetapher verbirgt.