Zu den unangenehmeren Eigenarten des Menschen gehört seine Neigung, originell wirken zu wollen, weshalb er, etwa an sommerlichen Abenden, gern das Gegenteil von dem behauptet, was erwartbar und naheliegend ist. Womöglich gibt es gar keine Möglichkeit, seine Individualität, seinen Charakter zu verfeinern, ohne das Naheliegende und Erwartbare zwanghaft zu vermeiden. Er habe, sagte zum Beispiel vor einigen Tagen ein Mann mittleren Alters zu einer Frau mittleren Alters in einem Café mittlerer Güte, schon immer eine starke Abneigung gegen Fahrradfahrer gehabt. Er freue sich über jeden Laster in der Stadt, der ja den großen Vorzug habe, durch sein schönes Brummen gehört zu werden, während der lautlose Fahrradfahrer einen sozusagen ohne Vorwarnung überfahren könne, und das geschehe auch oft.

Die Frau nun, eine passionierte Fahrradfahrerin, gehört jenem landestypischen Menschenschlag an, der alles, was die Großstadt zur Großstadt macht, lebhaft hasst – nämlich Lärm, Autos, Geschrei, Dreck, Unübersichtlichkeit und flüchtige Erotik. Es war nun allerdings interessant zu sehen, dass sie ihre empörte, an sich ja allzu vertraute Verteidigung des Fahrradfahrens als krasse und originelle Minderheitenposition vertrat: Überall, sagte sie mit Verve, werde es zwar bestritten, aber es gebe einfach zu wenig 30-Zonen, Spielplätze, zu wenig Fahrradwege, zu wenig Grün in der Stadt, zu wenig Bäume!

Wie nun jeder weiß, ist es aber ganz zweifellos eine Tatsache, dass in deutschen Städten der Baum doch jetzt schon einen ungehörigen, regelrecht obszönen Stellenwert hat. Wer ein Interesse an Häusern, an Denkmälern, an Fassaden hat, kommt hierzulande ja nicht auf seine Kosten. Es gibt schlechterdings kaum noch eine städtische Straße, die man nicht zum Garten degradiert hätte, weshalb bekanntermaßen architekturbegeisterte Touristen sich nur im Winter zu einer Deutschlandreise aufmachen, dann erst erblicken sie durch das nackte Geäst die Gründerzeitpracht ganzer Straßenzüge, die sich in den übrigen Jahreszeiten hinter Blättern, Blüten und Bäumen wie schamhaft verstecken.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass die Frau mittleren Alters unrecht hätte. Wir haben ja die blöde Behauptung von der Baummanie der Deutschen nur angeführt, um zu veranschaulichen, wie leicht und wie bequem und wie feige es ist, stets das Gegenteil vom Erwartbaren und Naheliegenden zu sagen. Kaum etwas ist heute mutiger, als konventionell und ein bisschen langweilig zu sein.