Passagiere huschen durch die langgezogenen, schwarzen Hallen. Ein Jahr nach der Inbetriebnahme herrscht normaler Betrieb im Check-in 3, vormals Skylink. Die Erinnerung an den Bauskandal verblasst allmählich. Am Ende waren es 760 Millionen Euro, die der ewig dunkle Pier über Jahre der Misswirtschaft hinweg verschlungen hat – beinahe doppelt so viel wie geplant. Unbeirrt davon wagt sich der Flughafen Wien vorsichtigen Schrittes an das nächste Bauvorhaben: Eine dritte Piste soll her, um dem stetig wachsenden Flugaufkommen zu genügen.

Bislang hielten sich die Entscheidungsträger in Schwechat mit Kostenschätzungen zurück. Experten der Raiffeisenbank, welche die Aktien des Flughafens regelmäßig bewerten, schätzen den Finanzierungsaufwand auf 1,1 Milliarden Euro. Das gigantische Ausmaß des Projekts und die schmerzhafte Erinnerung an die Kostenexplosion bei der Errichtung des Skylink werfen die Frage nach der Notwendigkeit der dritten Piste auf. Zudem lässt ein Bescheid der Luftfahrtbehörde den Verdacht des Protektionismus aufkommen, der so gar nicht ins Bild eines zukunftsorientierten Flughafens passen will, der vorgibt, wachsen zu wollen.

Ausgerechnet die Austro Control durchkreuzte vor Kurzem die Expansionspläne des Flughafens. Hintergrund ist ein negativer Bescheid der Luftfahrtbehörde zu einem Gesuch der Fluggesellschaft Emirates, die Verbindungen nach Wien auszubauen. Die Airline mit Sitz in Dubai fliegt die Bundeshauptstadt 13 Mal wöchentlich mit Langstreckenmaschinen an und zählt zu den besten Kunden des Flugplatzes. Mit dem Ansuchen um eine 14. wöchentliche Rotation, auf welcher das Großraumflugzeug Airbus A380 eingesetzt werden sollte, wollte Emirates die steigende Nachfrage bedienen. Beide Vorhaben lehnte die Austro Control ab: aus Kapazitätsgründen.

Dabei hat gerade das neue Terminalgebäude die Kapazität des Flughafens erhöht. Mit nunmehr drei Abfertigungshallen ist er für 30 Millionen Passagiere jährlich gerüstet, was etwa der Hälfte der Fluggäste in Paris oder Frankfurt entspricht. Im Vorjahr wurden in Wien mit 22 Millionen Reisenden zwar so viele Menschen wie noch nie abgefertigt – dennoch ist die Vollauslastung in weiter Ferne. Der Chef von Emirates in Österreich, Martin Gross, ärgert sich über den negativen Bescheid. "Wir sind enttäuscht und verstehen das nicht", sagt er. "Wir glauben, dass die Lufthansa dahintersteckt."

Das Vorgehen der Lufthansa schade dem Standort Wien

Als Tochter der deutschen Konzernmutter duelliert sich Austrian Airlines seit geraumer Zeit mit der Flotte aus Dubai um Langstreckenflüge nach Fernost. AUA-Vorstand Jaan Albrecht warf der eifrig expandierenden Linie aus dem persischen Golf bereits mehrfach vor, sie würde Passagiere aus Wien absaugen und seiner Flotte Ostrouten streitig machen. Konkret geht es um die lukrativen Strecken nach Bangkok, Tokio, Delhi oder Peking, die von der AUA direkt und von Emirates via Dubai angeflogen werden. Insgesamt konkurrieren die Rivalen auf acht Fernverbindungen. Da die arabische Fluggesellschaft oft die preisgünstigere Alternative bietet und modernere Maschinen einsetzt, fürchtet die AUA Einbußen. Die behördliche Unterstützung kommt ihr also nicht ungelegen. Weder die Fluglinie noch Austro Control oder die Flughafenleitung wollten sich dazu äußern. Für den langjährigen Airline-Chef Niki Lauda agiert die Austro Control zum Schutz der heimischen Fluglinie: "Dieser Wahnsinn schadet dem Standort. Emirates ist der AUA, vor allem aber der Konzernmutter Lufthansa, ein Dorn im Auge."

Derweil treibt der Flughafen seine Expansionspläne unbekümmert voran. Eine dritte Piste soll parallel zur Rollbahn 11/29 errichtet werden, die sich vor dem neuen Terminal erstreckt. Mit 3,6 Kilometer Länge und einer Breite von 60 Metern wäre sie die größte in Schwechat.

Ein neues Baudebakel kann sich der Flughafen nicht mehr leisten

Derzeit stehen dem Flughafen zwei sich in der Verlängerung kreuzende Pisten zur Verfügung. Da sich diese Bahnen durch die Rollwege der Flugzeuge mitunter gegenseitig behindern, besteht Handlungsbedarf. Ein Ausbau soll jedoch frühestens 2016 erfolgen, die Inbetriebnahme 2021. Die niederösterreichische Landesregierung hat den Bau der Piste im Vorjahr nach knapp fünfjähriger Umweltverträglichkeitsprüfung bereits abgesegnet. Allerdings listet die Behörde zahlreiche Bedingungen auf, die zum Schutz der Umwelt und Anrainer einzuhalten sind – etwa die Errichtung von Lärmschutzwänden.

Bürgerinitiativen machen nach wie vor gegen das Megaprojekt mobil. Zunächst muss dafür die Landesstraße B10 zwischen Schwechat und Schwadorf verlegt werden: Die neue Trasse soll bogenförmig um die geplante Piste führen. Zudem muss die Anbindung des Flughafens an die Autobahn zweispurig ausgebaut, und dauerhaft gerodete Waldflächen müssen andernorts wieder aufgeforstet werden. Außerdem sind neue Rollwege für die Jets sowie Straßen, Gebäude, Flugsicherungs- und Löschanlagen vorgesehen.

Um wachsen zu können, müsse der Flughafen die Initiative ergreifen, sagt Rolf Henke, Professor am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt: "In Europa zeigen die historischen Daten ein konstantes Wachstum von fünf bis zehn Prozent bei den Passagierzahlen in den letzten vierzig Jahren." In Wien hat sich die Anzahl der Fluggäste bereits innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Für die künftige Entwicklung sieht Henke durchaus Chancen, weil die großen europäischen Luftfahrtdrehkreuze wie Frankfurt, München oder London an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen würden.

Klar ist nur eines: Ein Baudebakel wie beim Skylink kann sich der Flughafen nicht mehr leisten. Finanziell – und politisch, da sowohl Wien als auch Niederösterreich Großaktionär der betreibenden Aktiengesellschaft sind. Eine sorgfältige Projektsteuerung, absolute Kostentransparenz und ein Finanzierungsplan ohne Schlupflöcher werden wichtig sein. Die Stadt Wien hat sich mit der Auslagerung der Aktien in ihre Holding für den erhöhten Finanzierungsbedarf bereits in Stellung gebracht. Die Konstruktion erlaubt es nämlich, Gewinne und Verluste unterschiedlicher Beteiligungen innerhalb der Holding aufzurechnen und damit im Wege der Gruppenbesteuerung steuerschonend zu agieren. Zumindest in diesem Punkt wird vorausschauend gehandelt.