A prayer for the wild at heart that are kept in cages – das ist nicht nur der Untertitel des Theaterstücks The Glass Menagerie von Tennessee Williams. Es steht auch, etwas verkürzt, auf dem linken Arm der Schauspielerin Angelina Jolie. Als eine Ungezähmte, Zügellose, die aus dem Käfig der Konventionen ausbrechen will, hat die Welt Jolie einst kennengelernt: Selbstverletzungen, Affären mit Frauen, Blutrituale mit Exmann Billy Bob Thornton, Selbstmordfantasien sowie eintätowierte bengalische Tiger, Sanskrit-Verse, lateinische Sinnsprüche, Kreuze, Drachen, Runen: Jolie hat ihre Lust am Verbotenen, ihren Trieb zum Tabubruch ausgelebt. Jetzt heiratet sie Brad Pitt. Und will seine Freunde nicht dabeihaben. Sie würden zu viel trinken, ein schlechter Einfluss. Angelina Jolie goes Doris Day.

Dass es sich bei Brads Saufkumpanen um George Clooney, Quentin Tarantino, Philip Seymour Hoffman und den Jungschauspieler Jonah Hill handelt, erscheint Angelina keineswegs als mildernder Umstand. Sie müssen draußen bleiben. Nun mag man die Ausladung der trinkfesten vier als verspätetes Erwachsenwerden, erlösende Selbstfindung oder erschütternde Verspießerung deuten – für Brad Pitt hat sie nur Vorteile.

Zunächst einmal weiß er jetzt bereits vor der Ehe, dass seine Frau nicht wirklich die ist, die er kennengelernt hat. Im Unterschied zu zahllosen traurigen Tröpfen, die sich einst etwas wunderbar Wildes eingefangen haben, das nach der Hochzeitsreise aber nur noch dann wild wird, wenn jemand die Zahnpastatube von der falschen Seite her ausdrückt. Die Desillusionierung vor der Ehe erspart den Frust in der Ehe.

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Zum Zweiten könnte sich Pitt jetzt, nachdem klar ist, wer künftig das Sagen hat, schon mal hinsetzen und ein Drehbuch verfassen: Ein Hollywood-Superstar steigt auf zum Vizechef einer fußballmannschaftgroßen Patchworkfamilie und trinkt fortan nur noch Bud alkoholfrei. A prayer for the mild at heart that are kept in marriages wäre ein wunderbarer Titel hierfür.

Der dritte Vorteil ist zugleich der größte: Jetzt, da Brad weiß, dass Angelina nicht der bengalische Tiger ist, der als Tattoo über ihren Rücken springt, denkt er vielleicht ja noch einmal nach. Gut möglich, dass er zu dem Schluss kommt, es könne Sinn machen, wenn nicht nur George, Quentin, Phil und Jonah nicht zu seiner Hochzeit kämen. Sondern auch er nicht.