Es muss einen triftigen Grund geben. Weshalb investiert ein Verlag Arbeit, Zeit und Geld in die Neuedition einer sanft in Vergessenheit geratenen amerikanischen Autorin? Was am Werk der im Jahr 2007 in Vermont verstorbenen Grace Paley, bekannt für ihre Short Storys, ihre Lyrik und ihr politisch aufrechtes und rebellisches Kämpfertum, ist heute interessant?

Wir öffnen die Haustür, und nichts ist so wie im American Dream der fünfziger Jahre. Kein Chevy parkt vor der Tür, kein Endlosgelächter dröhnt durchs Treppenhaus, unterm Esstisch klebt kein Kaugummi. Stattdessen dringt aus den New Yorker Mietwohnungen eine alteuropäische Kakofonie aus Ukrainisch, Russisch und Ungarisch, vermischt mit amerikanischem Englisch. Wir sind unter Einwanderern. Nichts ist spektakulär, weder die Einrichtungen noch die Lebensumstände der Bewohner – Betrug, Trennung, Verzweiflung, Einsamkeit und Starrsinn inbegriffen. Wer Lillie, Rosie, Vlashkin, Joanna oder Virginia allerdings zuhört – meistens wird aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin gesprochen –, staunt über deren rücksichtslos schnellen Witz und trocken vorgebrachte Klugheit. Die meisten Witze gehen auf Kosten der Männer, viele sind in der Armee. Die Kerle werden nicht als Helden verehrt, sind aber Projektionsflächen unerfüllt bleibender Wünsche.

Grace Paley packt in ihre Short Storys Quintessenzen über Fremdheit und Immigration. Ihre Geschichten entwickeln sich meist im hektischen Tempo des quirligen familiären Milieus. Dabei geht es der Autorin um die Einstellung zum Leben "auf lange Sicht". Sie versteckt in ihren Texten moralische Fragen. Was ist wichtiger: das Totengebet für eine Nachbarin oder das nutzlose Gespräch mit dem Ehemann, der gerade für immer seine Sachen packt? Was sagt ein Vater, der möchte, dass seine Tochter beim Krippenspiel mitmacht? "Du bist in Amerika! [...] In Palästina würden dich die Araber bei lebendigem Leib fressen." Wie erklären Eltern ihren Kindern das fremde Land, in das sie sich eingewöhnen müssen? "Wir sind", heißt es in der Geschichte Die lauteste Stimme, "vor Tyrannen weggelaufen", jetzt müssen "unsere Kinder einen Haufen Lügen" lernen. "Ach, Misha, dein Idealismus, wo ist er hin?"

Grace Paley selbst wurde 1922 in der New Yorker Bronx geboren als Kind von Eltern, die 1906 aus der Ukraine eingewandert waren. Zu Hause wurde Russisch und Jiddisch und überhaupt sehr viel gesprochen. Weil sie sich selten im College blicken ließ, wurde sie exmatrikuliert. Sie vernachlässigte das Studium, weil der Kampf gegen den europäischen Faschismus ihre Zeit in Anspruch nahm. Als sie in den vierziger Jahren einen Schreibkurs bei W. H. Auden belegte, gab er dem jungen Mädchen den entscheidenden Rat, ihre "eigene Stimme in der Alltagssprache" zu finden.

Eigentlich hatte Grace Paley sich von Kindesbeinen an auf Lyrik konzentriert. "Ich dichtete", sagte sie in einem Interview, "wo ich ging und stand." Vom lyrischen Stil sind in ihrer Prosa nur sparsam eingestreute Sätze zu finden, diese allerdings geben der "Alltagssprache" ihren Glanz. Denn Grace Paley ist keine elegante, keine rundgeschliffene, sondern eine seltsam ruppige, mit witzigen Einschätzungen und Abwägungen operierende Erzählerin. Und das Bezeichnende ist: Alles vermischt sich zu gleichen Teilen, die ukrainische Herkunft, die Tradition des jüdischen Glaubens und die Prägungen durch das neue Leben in New York. Romantisiert oder zur Folklore verniedlich wird trotzdem nichts. Mit eindringlicher Selbstverständlichkeit steuern ihre Texte auf den Tabubruch zu: Inzest, Verletzung religiöser Gefühle, Ehebruch.

Aber das ist nicht alles. Grace Paleys Beschreibungstalent zeigt sich in überraschenden Beobachtungen. Um das Treffen eines gescheiterten Paares einzuleiten, lenkt Paley das Interesse auf einen Nussbaum mit "schmuddeligen" Knospen, schickt dann die beiden nicht einfach ins Bett, sondern kommentiert diagnostisch ihre Körper, "kein Gramm zugenommen". Dann überrascht die Verflossene mit der Existenz eines neuen Ehemanns. "Liebe?", fragt er. "Wirklich?", lächelt und trollt sich davon, macht auf der Straße einen Handstand, dann ein Rad nach dem anderen "in Richtung Osten, dorthin, wo die Nacht entspringt".

Kein Text handelt von Gewinnern, Paleys Aufmerksamkeit gehört dem Dasein "auf lange Sicht". Dieser Blick in die Zukunft ließ die Mutter zweier Kinder zu einer politischen Kämpferin werden. Ihr Engagement begann 1960. Sie protestierte gegen Atombombentests und gegen Vietnam und wurde 1966 wegen einer Sitzblockade verhaftet. Drei Jahre später reiste sie mit anderen Friedensaktivisten nach Vietnam, um amerikanische Kriegsgefangene zurückzuholen, und begann ihren Antimilitarismus mit ihrer Form des Feminismus zu verknüpfen. Je älter sie wurde, desto mutiger trat Grace Paley auf. Sie nahm Bewährungsstrafen und Verhaftungen in Kauf, wurde verehrt und geehrt, Raymond Carver schlug sie 1986 als "Author in Residence" des Staates New York vor. Sie blieb unberührt sie selbst.

Grace Paley meint es ernst mit dem viel beschworenen Alltag der Migranten. Ihr Ernst hat Humor. Einige ihrer Themen gehören zu einer vergangenen Zeit, ihre Art, davon zu erzählen, nicht.