Die Augen..., ganz die Mutter! Und erinnern diese niedlichen Grübchen nicht an den Vater? Schon der Säugling ist Gegenstand laienhafter Genforschung. An äußeren Merkmalen prüfen Verwandte seit jeher ihre biologische Nähe zum Nachwuchs.

Die Sinnhaftigkeit dieser Inspektion wird schon seit einiger Zeit durch moderne Fortpflanzungstechnologien infrage gestellt. Wenn ein Kind zum Beispiel dank einer anonymen Samen- oder einer (in Deutschland verbotenen) Eizellspende auf die Welt kommt, sind körperliche Hinweise schon heute trügerisch. In Großbritannien könnte es bald noch verwirrender zugehen. Das britische Gesundheitsministerium lässt nach langer gesellschaftlicher Debatte jetzt Leitlinien ausarbeiten, die ganz neue Verwandtschaftsverhältnisse schaffen: Kinder könnten das Licht der Welt erblicken, die zwei genetische Mütter haben.

Hintergrund ist eine Methode zur Behandlung von angeborenen Defekten des mitochondrialen Erbguts. Die Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen mit eigenständiger DNA. In seltenen Fällen ist diese defekt und verursacht dann diverse Erkrankungen von Blindheit über Herzerkrankungen bis hin zur Demenz.

Theoretisch gibt es eine Lösung für das Problem: Kurz nach der Befruchtung wird das mütterliche und väterliche Erbgut aus der defekten Eizelle entnommen und in die entkernte Eizelle (Eihülle) einer gesunden Spenderin mit gesunder Mitochondrien-DNA übertragen. Der Embryo besitzt dann das Erbgut von einem Vater und zwei Müttern.

Dieser Mitochondrientrick rührt an ein Tabu der Reproduktionsmedizin: Er greift in die Keimbahn ein, also jene Vererbungslinie, aus der jeder Mensch ableiten könnte, woher er genetisch stammt. Durch die Mitochondrientherapie wird diese Keimbahnlinie verändert. Während bei anderen denkbaren Gentherapien mit dem Tod des Patienten auch die veränderten Gene aussterben würden, könnten die Drei-Eltern-Kinder ihre Drei-Eltern-DNA vererben. Sie müssten sich dazu nur ganz natürlich fortpflanzen.

Und wenn die Keimbahn schon einmal offen ist, warum dann nicht auch noch ein wenig am Kind optimieren? In Zukunft wüsste die Verwandtschaft nicht mehr, ob sie beim Anblick des Säuglings das Ergebnis der Ahnenreihe oder das Produkt der ästhetischen Vorliebe seiner Eltern und des Reproduktionsmediziners vor sich haben. – So weit das unwahrscheinliche Horrorszenario.

Doch genauer betrachtet, ist die Korrektur weniger eine Keimbahntherapie als ein sehr früher Gewebeersatz. Und so etwas ist nicht neu. Zudem haben dank der modernen Medizin viele Menschen mit Gendefekten bis ins fortpflanzungsfähige Alter überlebt und ihre problematischen Gene vererbt. Insofern haben wir schon längst in unsere Keimbahn eingegriffen. Zuletzt wird, wer als stolzer Elternteil etwas von sich selbst in seinem Kind sehen will, dies auch weiterhin entdecken.