Er ist mit 147 Metern Höhe, nach den Domtürmen von Ulm und Köln, der dritthöchste Kirchturm Deutschlands und steht recht einsam da: der neugotische Turm der einstigen Hamburger Hauptkirche St. Nikolai. Im Juli 1943 war er der Orientierungspunkt für die alliierten Bomberpiloten, die während der "Operation Gomorrha" die Stadt angriffen und ganze Viertel auslöschten.

Etwa 34.000 Menschen kamen dabei ums Leben – nicht nur Hamburger und zufällig in der Stadt Weilende, Durchreisende, sondern auch viele ausländische Zwangsarbeiter, die hier schuften mussten und denen jeder Zugang zu Luftschutzkellern verboten war. Nun wird sich ihnen allen im Gewölbe von St. Nikolai eine umfassende Dauerausstellung widmen, das erste deutsche Museum zum Luftkrieg überhaupt, das mehr sein will als nur Gedenkstätte oder lokale Memorabiliensammlung.

Der Ort ist gut gewählt. St. Nikolai ist das, was für Köln St. Alban oder für Berlin die Gedächtniskirche ist: ein Mahnmal gegen den Krieg. Erbaut wurde das monumentale Gotteshaus von 1846 bis 1874 nach Plänen des britischen Architekten George Gilbert Scott als Ersatz für die im Großen Stadtbrand von 1842 untergegangene alte Nikolaikirche. Es war eine der ersten neugotischen Kathedralen in Deutschland. Besonders geliebt haben die Hamburger sie allerdings nicht: Der Bau erinnerte in seiner Gestalt zu sehr an süddeutsche Gotik, an das Freiburger oder Ulmer Münster, und "fremdelte" ein wenig im Ensemble der großen Hamburger Kirchen.

Bei den Angriffen im Juli 1943 wurde St. Nikolai stark getroffen; die Decke stürzte ein. Natürlich hätte man den Bau nach dem Krieg wiederherstellen können, wie etwa die benachbarte, ebenfalls schwer beschädigte Katharinenkirche. Aber nicht zuletzt die brachiale Verkehrsplanung jener Jahre – eine sechsspurige Stadtautobahn (Ost-West-Straße) direkt an der Kirche vorbei – und das Schwinden der Innenstadtgemeinde ließen ihn ins Abseits geraten. Man beschloss, in Hamburg-Harvestehude eine neue Kirche St. Nikolai zu errichten und die Mauern der alten wegzusprengen. Nur der Turm sollte als Mahnmal erhalten bleiben.

Später wurde in dem weiträumigen Kellergewölbe eine kleine, etwas improvisiert wirkende Ausstellung eingerichtet. An dieser Stelle soll nun auf 350 Quadratmetern Schaufläche das neue Museum entstehen. Träger ist der Förderkreis Mahnmal St. Nikolai, den Bau zahlt zum größten Teil die Stadt.

Das Konzept stammt von der Hamburger Historikerin Kristina Vagt. "Die Ausstellung wird international wahrgenommen werden. Daher muss sie unbedingt auch den Fragen ausländischer Besucher entgegenkommen und die Rolle der Alliierten adäquat beleuchten. Eindimensionale Schuldzuweisungen werden vermieden, allerdings muss deutlich gesagt werden, wer den Krieg begonnen und verloren hat", erläutert sie. Im wissenschaftlichen Beirat des Projekts sitzen unter anderem der britische Militärhistoriker Richard Overy und Detlef Garbe, der Leiter der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Hamburg war auch ein wichtiger Wehrmachtstandort

"In der Ausstellung beginnt die Operation Gomorrha nicht mit den Luftangriffen vom 24. Juli 1943, sondern sie beginnt bei der Mobilisierung für den Zweiten Weltkrieg, den damit einhergehenden Luftschutzvorbereitungen und dem Aufbau der Rüstungsindustrie. Hamburg als Wehrmachtstandort ist heute in der Erinnerung ja kaum noch präsent", sagt Garbe. Ebenso werden die schweren Angriffe der deutschen Luftwaffe 1939 auf Warschau und 1940 auf Rotterdam thematisiert. "Es geht dabei nicht um Rechtfertigung, sondern um die Darstellung der historischen Abfolge", erläutert Garbe. "Dazu gehört auch, dass der Einsatz von Flächenbombardements aufgegriffen wird, wie sie von Görings Luftwaffe praktiziert wurden."

Bei der Darstellung der eigentlichen Schreckenstage will man auf Gegensätze setzen: Film- und Fotoaufnahmen brennender Straßenzüge treffen auf das Flugblatt von Gauleiter Karl Kaufmann, in dem dieser die Hamburger für ihre tapfere Gesinnung lobt. Letzte, mühsam gerettete Kleidungsstücke sind neben behördlichen Anweisungen zu sehen, die in aller Harmlosigkeit erläutern, wie man sich bei Luftalarm "richtig verhalten" soll. Zugleich kann der Beirat auf die Forschungsarbeiten eines weiteren seiner Mitglieder zurückgreifen: Der Oldenburger Historiker Malte Thießen hat etwa hundert Zeitzeugen interviewt, deren Aussagen, Berichte und auch Bewertungen mittels Hörstationen zur Verfügung stehen.

Ausführlich beschäftigen wird man sich zugleich mit der Nachgeschichte des Feuersturms. Denn nach dem Krieg tat man sich in Deutschland schwer, einen angemessenen Umgang mit den Erfahrungen des Bombenkriegs zu finden. Einerseits bot er oft Gesprächsstoff: Wenn in den Familien überhaupt etwas vom Krieg erzählt wurde, dann waren es ja diese Erlebnisse, die Nächte im Keller, die Strapazen der Flucht. Tabuisiert, wie heute gern behauptet, war all das zu keiner Zeit, zumindest nicht in Westdeutschland. Tabuisiert blieben eher die Angriffe der Luftwaffe auf Guernica und Wieluń, auf Coventry, Belgrad und Minsk.