In alten Zeiten galten Möwen, und insbesondere ihr klagender Schrei, als Chiffre der Ferne, von Weite und Abenteuer. "Wenn ich abends noch einmal das Haus für einen Spaziergang über die Klippen verließ und das Geschrei der Möwen vernahm, packte mich eine grenzenlose Sehnsucht..." So konnten früher Romane beginnen. Heute ist es mit der Romantik der Möwen vorbei, und das liegt nicht nur daran, dass es auch mit den Seeabenteuern nicht mehr zum Besten steht. Es liegt auch an den Plastiktüten, die in den Hafenbecken schwimmen und von den Möwen ungeniert auf Fressbarkeit durchmustert werden; die moderne Zivilisation (auch Wegwerfgesellschaft genannt) fördert bei den Vögeln eine pragmatische Charakterseite zutage, die der Schwärmerei abträglich ist. Im Grunde sind Möwen am Hafen heute das, was Tauben in der Stadt sind: aus der Welt der Poesie herabgestiegen in einen schmutzigen Alltag, der ihrem Image nicht guttut.

Der Lyriker Günter Kunert hat Tauben die "Ratten der Lüfte" genannt, eine Bezeichnung, die heute viele verwenden, ohne zu wissen, dass ein Dichter sie geprägt hat. So ist das mit dem Publikum; wenn ihm ausnahmsweise mal etwas in den Künsten gefällt (meistens ja nicht), wird es sofort rücksichtslos enteignet und in Allgemeinbesitz überführt. Bei der Vorrede zum Wallenstein hat mir ein Sitznachbar im Theater einmal tadelnd zugetuschelt, es seien "alles nur Sprichwörter und Zitate". Der gute Mann wusste nicht, dass die geflügelten Worte einst von Schiller geprägt worden waren, nämlich in seinem Wallenstein.

Wenn heute einer bekrittelt, dass Tauben keine Ölzweige mehr im Schnabel tragen, sondern Parasiten und Krankheitskeime im Gefieder und dass der Schrei der Möwen nicht mehr klagend, sondern gierig und gewalttätig töne, dann müsste sich der missvergnügte Mensch zuvörderst selber befragen, was er denn zum Niedergang der schönen Tiere beigetragen habe beziehungsweise ob seine Poetisierung der Tauben und Möwen (ähnlich der Poetisierung von Frauen und Kindern) nicht immer schon unangebracht war.

Denn was soll so ein Vogel schon anderes machen, als sich unter widrigsten Umständen um sein Überleben zu kümmern? Und wenn es so viel in Plastiktüten zu finden gibt, warum sollte er sie nicht gründlich untersuchen? Und gegebenenfalls den Nahrungskonkurrenten mit kräftigen Schnabelhieben in die Flucht schlagen oder meinetwegen auch ernsthaft verletzen, denn dann ist endlich "oa Ruh’", wie der Bayer sagt. Es gibt nämlich auch am Ammer- oder Chiemsee beachtlich zeternde Möwen, und sie stehen an Kampfstärke gewiss keinem CSU-Mitglied nach. Von allen Zivilisationsfolgern (so nennt man Tiere, denen der Schauder vor der Moderne fehlt) sind die Möwen gewiss die menschenähnlichsten. Tauben sind eher defensiv – wenn auch extrem gebärtüchtig, will sagen legetüchtig –, während Möwen die ganze Palette aggressiven Verhaltens beherrschen, für die das Menschengeschlecht berühmt wurde. Sie sind den griechischen Recken der Sage verwandt, die bekanntlich auch das Meer befuhren und unter lautem Zetern die Küsten plünderten. Auch ihre Klagegesänge (was für ein Unrecht – man hat uns Helena geraubt!) sollten die bloße Gier maskieren (nach dem Gold Trojas). Zetern gehört zum Raub. So war das früher, wenn Kriegsgründe gesucht wurden, und so ist das heute, wenn Banker wollen, dass ihre Banken mit Steuergeldern gerettet werden sollen. Vielleicht sollte man, was Jammern und Klagen anlangt, einmal grundsätzlich die Unschulds- und Opfervermutung fallen lassen und stattdessen auf Ablenkung, Nötigung und Erpressung schließen.