Joe ist der Detektiv. Das ist die Rolle, die ihm zugedacht ist und die ihn aufrecht hält. In Paris trifft er eine Frau. Sie sprechen über Literatur. Ob sie die Vergelter-Bücher gelesen habe. Ja, sagt sie und warnt: "Das Leben ist kein Groschenroman, Joe, und der Tod auch nicht." Joe fragt sich, woher die fremde Frau in Paris seinen Vornamen kennt. Er ist von Verfolgern umgeben. Er weiß nicht, was geschieht.

Vielleicht ist das Leben doch ein Groschenroman. Das ist die Idee, auf der Lavie Tidhars Roman Osama beruht. Privatdetektiv Joe, mit halb voller Flasche Whisky und 38er Smith-&-Wesson-Imitat rollenkonform bewaffnet, erhält von einer geheimnisvollen Frau den Auftrag, den Autor Mike Longshott zu finden. Mike Longshott hat die Vergelter-Serie geschrieben, deren Held heißt Osama bin Laden. Die Serie erscheint im Pariser Medusa-Verlag, der spezialisiert ist auf Sex (Bekenntnisse einer zugedröhnten Nymphomanin) und Gewalt (Die Bombardierung des Sinai). Was Joe in den Vergelter Büchern liest, kommt ihm wie unglaublicher Schund vor. TNT-gespickte Lkw, die 1998 in US-Botschaften (Nairobi, Daressalam) gefahren werden, pakistanischstämmige Briten, die 2005 in der Londoner U-Bahn Bomben legen. Das sind ganz und gar nicht die alten Sherlock-Holmes-Geschichten, die Joe schätzt. Mit einer schwarzen Kreditkarte ohne Limit verlässt er Vientiane, die Hauptstadt des Opiums. Auf dem Weg zum Flughafen wird er von Männern in schwarzen Schuhen beschossen, ein Zeitungsausschnitt fliegt durch die Luft. Joe zerknüllt ihn, es stand etwas von einem "11. September" darauf.

Der Autor Lavie Tidhar ist 1976 in Israel geboren, sein Debütroman Bookman handelt von einem Terroristen, der im viktorianischen London Bücher als Waffen einsetzt. Sein zweiter Roman Osama wurde 2012 mit dem World-Phantasy-Award ausgezeichnet. Darin fehlt die krimiübliche Vorbemerkung, dass Übereinstimmungen mit Tatsachen und Personen nur zufällig sind. Tidhar treibt die Vorstellung, Al-Kaida und Osama bin Laden seien die Erfindung eines Groschenromanautors, dadurch auf die Spitze, dass er seinen Detektiv in eine Welt hinausschickt, die wirkt, als erlebe er sie im Drogenrausch. Die Spuren, die Joe, herumirrend, entschlüsselt, sind Signale eines Wahnsystems. Die Menschen, denen er begegnet, sind "Flüchtlinge", "Irrwirre", Süchtige und Romanfiguren.

Der Argentinier Pablo de Santis, die Amerikanerin Sara Gran und jetzt der Israeli Lavie Tidhar befreien die tradierte Figur des Detektivs aus den szientistischen Fesseln des 19. Jahrhunderts. Ihre Detektive kennen keine Wirklichkeit mehr, die man verstehen kann. Indem sie so tun, als sei sie immerhin als Rätsel oder Geheimnis begreifbar, verschaffen sie sich im Meer des Unbegreiflichen den Kompass einer aufrechten Haltung.

Von den drei Autoren ist Tidhar der radikalste. In New York trifft Joe einen Kongress von Vergelter-Fans. Sie säuseln vor Glück, weil sie wissen, dass "alle diese fürchterlichen Dinge nie passiert sind", sondern nichts anderes sind als Trivialliteratur.