Die Frage: Als sie ihren späteren Ehemann Peter kennenlernte, erlebte Marietta seine vorsichtige Art als Wohltat. Mit seinem Vorgänger hatte es oft Streit gegeben. "Er hat mich immer angetatscht, ich hab am Ende jede Lust auf Sex mit ihm verloren." Marietta wurde schwanger, heiratete – und fühlte sich wie von einem Fluch verfolgt, weil Peter zwar den gemeinsamen Sohn Tim vergötterte, aber jedes körperliche Interesse an ihr verlor. Die beiden trennten sich, als sie herausfand, dass Peter ein Verhältnis mit einem Mann hatte.

Inzwischen ist Tim zehn. Marietta hat einen neuen Freund, Peter ist für Tim solo. Er muss sagen, dass er einfach keine neue Frau gefunden hat, wünscht sich Marietta. Tim soll nicht beunruhigen, dass er einen schwulen Vater hat. Peter ist sich da nicht so sicher.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ich finde Peters Unsicherheit äußerst höflich, um nicht zu sagen: vermeidend. Er könnte sich auch viel deutlicher gegen Mariettas Weltbild wehren. So richtig es ist, dass Eltern Kinder mit ihren Problemen verschonen, aus Vermeiden und Verschweigen wird keine Normalität.

Wenn Tim bisher noch nicht gefragt hat, warum eigentlich Marietta einen Freund hat, Peter aber keine Freundin, wird er es bald einmal tun. Wenn Peter dann herumdruckst oder lügt, ist das belastender als eine klare Auskunft. Kindliche Fragen verdienen ehrliche Antworten. Ein schwuler Vater, der mit sich selbst im Reinen ist, fördert das Selbstbewusstsein seines Sohnes mehr als ein lebendiges Fragezeichen. Es geht hier nicht um Bekenntnisse oder Belehrungen, sondern um Informationen.