Die Freiheitskämpfe, die Pfarrer im Osten beginnen, die gewinnen sie auch. Das sieht man schon daran, dass ihr bekanntester Vertreter inzwischen als Hausherr in Schloss Bellevue sitzt. Das sieht man auch daran, dass in Leipzig bis heute Christian Führer als Held von 1989 verehrt wird – und nicht wenige glauben, sein Vorname laute "Pfarrer", so verschmolzen ist er mit seinem Amt.

Was man in dieser Woche allerdings in Sachsen sah, das war schon in vielerlei Hinsicht besonders.

Hier sollte ein Geistlicher ins Gefängnis, weil er angeblich zu heftig gegen Neonazis protestiert hatte. Lothar König aus Jena, ein stattlicher Mann mit wucherndem Bart, verbrachte sein Leben in der Jugendfürsorge. Dann wurde er plötzlich prominent. Denn der Prozess, den man König vor dem Dresdner Amtsgericht machte, erregte die Seelen nicht nur von Christen.

Am Dienstag nun aber platzte vorerst das Verfahren gegen ihn. Es wird ausgesetzt, auf Monate. Und nicht vieles deutet darauf hin, dass König noch verurteilt wird.

Die Neuerfindung des Pfarrers als Oppositionellem

Das vorläufige Ende des Lothar-König-Prozesses, es ist die Neuerfindung des Pfarrers als Oppositionellem. Als Gegenspieler des Staates, der die Mächtigen durch Beharrlichkeit bezwingt, ist der Pfarrer König jetzt ein König in Sachsen, und der Freistaat liegt am Boden.

Durchaus ernst waren die Vorwürfe, die gegen ihn, gegen König, erhoben wurden: Er habe als Fahrer eines "Lautsprecherwagens" eine wütende Meute dirigiert; sie mit Durchsagen über sein Mikrofon zur Gewalt gegen Polizisten getrieben. Der Tag, an dem das geschehen sein soll, war der 19. Februar 2011. 2000 Neonazis marschierten da durch Dresden, vermummt, und verleugneten Deutschlands Geschichte. König war – natürlich – gegen die Nazis unterwegs. Dirigierte einen linken Protest tatsächlich von dem Wagen aus. Aber machte er die Meute auch scharf? Trieb er sie wirklich zur Gewalt gegen Polizisten? Im Gegenteil, sagt König; er sei ein Mann des Friedens, der die Menschen achte. Er habe diesen Demonstrationszug sogar mäßigend beeinflusst.

Plötzlich tauchen Filme auf, die König entlasten

Es gelang über all die Prozesstage nicht, König echte Schuld nachzuweisen. Kein Video, das im Gericht vorgeführt wurde, überführte ihn am Ende. Anfang der Woche überschlugen sich dann die Ereignisse vor Gericht: 200 Stunden polizeilichen Videomaterials waren plötzlich neu aufgetaucht. Filme, die König entlasten, wie es heißt.

Wie kann es sein, dass solche Videos erst mitten im Prozess "entdeckt" werden? War das Pech? Oder Dummheit? Oder, kaum zu glauben, Vorsatz? Es wird noch Monate dauern, bis man die neuen Videos gesichtet hat. Danach beginnt der Prozess ganz von vorn. Oder wird sogar eingestellt.

Der Vorwurf blieb, König habe Demonstranten angestachelt

Selbst wer der Ansicht ist, diesem Zottelbart sei doch nur mit Härte beizukommen – selbst derjenige muss sich eigentlich über die Staatsanwälte wundern. Denn sollte eine Justiz, die mit solcher Härte agiert, nicht wenigstens professionell arbeiten? Davon kann aber keine Rede sein. Dilettantisch gingen die Ermittler in den vergangenen zwei Jahren gegen König vor. Anfangs hieß es, der Pfarrer, sicher 100 Kilo schwer, sei wohl Mitglied einer "Antifa-Sportgruppe", einer "kriminellen Vereinigung", die in Sachsen Neonazis verprügle. Als man das noch für einen Witz hielt, fuhren Dutzende Dresdner Polizisten bereits in Kampfmontur nach Jena. Sie stellten Königs Pfarrstube auf den Kopf. Beschlagnahmten seinen VW-Bus – den Lautsprecherwagen – allen Ernstes als "Tatwerkzeug". Erst später ließen sie den Verdacht auf Bildung einer "kriminellen Vereinigung" fallen. Es blieb der Vorwurf, König habe linke Demonstranten angestachelt. Ebenjener Vorwurf, mit dem die Staatsanwälte vor Gericht nun vorerst gescheitert sind.

Sachsens Regierung ist es ja durchaus gewohnt, große Mehrheiten hinter sich zu sammeln. Im Falle König ist es ihr dagegen gelungen, einen mächtigen Gegner zu schaffen. Pfarrer König kannte vorher kaum jemand jenseits von Jena. Dann wurde er zur Ikone für alle, die sagen, der Freistaat drangsaliere die Gegner von Neonazis – statt sich der Nazis selbst anzunehmen. Nun aber ist König nicht mehr allein ein Held der Linken, er ist ein Held in allen Medien.

War es Hybris oder Unbedarftheit, sich als Feind ausgerechnet diesen König zu erwählen; einen Herrn, der gar nicht besiegbar ist? Einen Mann der Kirche, zum Symbol geboren. Es war doch klar, welches Bild das gibt: die Staatsmacht gegen den Pfarrer! Die Staatsmacht dort, wo die Neonazis wüten, gegen einen Pfarrer, der gegen Neonazis wütet! Wie hätte dieser Kampf, ganz ernsthaft, in einem Sieg für die Staatsmacht enden können?

Der Pfarrer triumphiert als Schelm

Gar nicht, jedenfalls moralisch nicht. Und seit Dienstag weiß man nun: auch juristisch eher weniger. Je länger dieser Prozess dauerte, desto größer wurde die Frage, wie eine Justiz eigentlich glauben kann, so unbedarft einen Sieg einzufahren gegen einen Filou wie König. Der seine Fans zu dirigieren vermochte. Der sich einen Anwalt aus Berlin angelte, der das ganz große Theater beherrscht. Es triumphiert der Pfarrer als Schelm.

Nein, man darf sich den Osten auch weiterhin nicht als Landstrich im Griff der Kirche vorstellen. Umgekehrt wird die Sache wahr. Weil die Pfarrer hier so wenige sind und weil sie fast noch weniger Schäfchen betreuen, wächst ihnen manchmal eine Rolle zu, von der ihre Kollegen im Westen nur träumen können. Die Pfarrer sind die Opposition. Ein König hat es bewiesen.