"Picture Revolution" steht auf der Visitenkarte der Angestellten der Firma von Lytro – und nicht weniger als eine Neuerfindung der Fotografie verspricht das amerikanische Start-up: Mit seiner Digitalkamera soll jedes Foto immer gestochen scharf werden. Und noch mehr: Der Betrachter kann später am Computer auswählen, welcher Bereich des Bilds scharf sein soll. Ein Mausklick auf die Oma im Hintergrund, und der Rest verschwimmt. Ein Klick auf die Enkel weiter vorne – Oma wird unscharf, die Enkel sind im Fokus. Zudem wirkt das Foto dreidimensional, man kann ein wenig um die Ecke gucken – als wenn man etwas abwechselnd mit linkem und rechtem Auge betrachtet. "Lebendige Bilder" nennt Lytro das und übertreibt nicht. So räumlich waren Schnappschüsse noch nie.

Die Kamera, die so heißt wie das Unternehmen, das sie herstellt, ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Die Lytro ist die erste "Lichtfeldkamera", die für Laien erschwinglich sein wird. Sie entreißt dem Fotografen die Kontrolle über das Bild und lässt den Betrachter über den Fokus entscheiden. Und sie ist die erste Kamera, die erst durch soziale Medien wie Facebook und Twitter so richtig interessant wird. Lytro ist cool, der neueste Klick aus Kalifornien.

Das Gehäuse erinnert an ein eckiges Kaleidoskop. Der vordere Teil, in dem die Optik steckt, besteht aus Aluminium, der hintere aus Silikon. Darin sitzen ein Touchscreen, ein Regler für den 8-fachen optischen Zoom und der Auslöser. Zwei Knöpfe nur – die fotografische Revolution soll leicht zu bedienen sein. Auf den Rechner kommen die Fotos drahtlos oder per USB-Kabel.

Ren Ng, der 33-jährige Gründer von Lytro, hat weder die Theorie des Lichtfelds erdacht (das war Michael Faraday im Jahr 1846) noch die entsprechende Kamera erfunden – das war 1908 der Physiknobelpreisträger Gabriel Lippmann. Aber Ng hat hartnäckig daran gearbeitet, eine Lichtfeldkamera für den Massenmarkt zu entwickeln. Erstmals beschrieben hat er sie 2005 in seiner Doktorarbeit, die in jenem Jahr auch mit dem Preis für die weltweit beste Arbeit in Computerwissenschaften ausgezeichnet wurde.

Ein Lichtfeld, das sind sämtliche Lichtstrahlen, die in einem Raum vorhanden sind. Die Lytro bannt nicht nur die Summe aller an einem Punkt ankommenden Strahlen auf den Sensor, wie es herkömmliche Digitalkameras in Form von Pixeln tun, sondern ermittelt zusätzlich die Richtung, aus der die Strahlen kommen. Sie erreicht das mithilfe eines Mikrolinsengitters, das zwischen Objektiv und Bildsensor liegt. Dieses Gitter, so groß wie der kleine Fingernagel eines Schulkindes, bricht die Strahlen so, dass auf den Sensor viele winzige Ausschnitte der Blende projiziert werden. So wird praktisch ein dreidimensionales Foto gespeichert, und die Software errechnet daraus den Verlauf aller Lichtstrahlen, die an einem Punkt auftreffen.

Die ersten Lichtfeldkameras bestanden noch aus Hunderten einzelner Digitalkameras, deren Output von einem Supercomputer verrechnet wurde. Ng und sein Team haben es seit der Gründung von Lytro 2006 geschafft, die Technik auf einen Chip zu packen und ein erschwingliches Produkt auf den Markt zu bringen. Das ist eine große Leistung. Der Apple-Chef Steve Jobs, der stets eine Nase für Technikrevolutionen hatte, soll sich kurz vor seinem Tod mit Ng getroffen haben.

Die Lytro ist wie gemacht für die Millionen Schnappschussfotografen. Sie ist schneller als normale Kameras, weil sie das Bild nicht scharf stellen muss – das geschieht ja später. Sehr lichtempfindlich ist sie auch.

Allerdings kann sie eine herkömmliche Digitalkamera nicht komplett ersetzen. Der Sensor der Lytro speichert zwar pro Aufnahme rund elf Megabyte an Lichtstrahlen (Megarays), die exportierten Bilder sind aber maximal 1080 x 1080 Pixel groß – auf dem Bildschirm ist das HD, ein Poster kann man davon nicht drucken. Doch darum geht es auch nicht. Die Lytro ist ein Gerät für den Wow-Effekt, ein Zulieferer für die großen Momenteteilmaschinen unserer Zeit: Facebook und Twitter. Denn auch dort sind Lytro-Bilder interaktiv. Und wer in seiner Timeline zum ersten Mal ein Foto sieht, bei dem er selbst per Mausklick den Fokus des Bildes bestimmen kann, der ist überwältigt. "Jedes geteilte Bild ist ein Botschafter für uns", sagt Ng. Soll heißen: ein Werbebotschafter. Und Werbung wird er brauchen: Wenn die Lytro am 15. Juli in Deutschland auf den Markt kommt, wird sie 479 Euro (für die 8-Gigabyte-Version) oder 579 Euro (für 16 GB) kosten.

Das ist viel Geld für ein Gimmick. Aber was werden die Kunden mit der Lytro machen? Das werden wir erst in ein paar Jahren wissen. Wie bei anderen Techniken mit Wow-Effekt, etwa dem 3-D-Kino, wird erst die Zeit zeigen, ob die neue Technik wirklich etwas Neues schafft, oder ob sie nur der Klick für einen Sommer war.