Markt und Marktwirtschaft genießen heutzutage keine große Popularität. Im Gegenteil, oft wird die Ökonomisierung der Gesellschaft beklagt und kritisiert. Sie sei die Ursache all unserer Schwierigkeiten. Ja, man spricht vom Markt wie von einem kriminellen Gebilde, das der "Spectre"-Organisation von James-Bond-Bösewicht Blofeld ähnelt. Man unterstellt dem Markt geheime Pläne, nach denen er seine Macht ausüben und dubiose Ziele erreichen will. Politiker und Medien sehen in ihm oft den Quell allen Übels.

Oft aber wird der "böse" Markt benutzt, um das eigene Versagen zu vertuschen, indem man behauptet, dass er die Politik daran hindere, Erfolg zu haben. Das ist schon vom Ansatz her falsch und entspricht in keinem Fall der echten Natur des Marktes.

Wie Alberto Mingardi erklärt, ist der Markt nichts anderes als ein Verfahren, bei dem wir alle Akteure sind. Mingardi ist ein junger italienischer Intellektueller, Direktor des liberalen Thinktanks Istituto Bruno Leoni und hat mit L’intelligenza del denaro ein Buch geschrieben, das die Unità, die traditionsreiche Tageszeitung der italienischen Kommunisten, als intelligent und lesenswert bezeichnete. Wir Marktakteure, schreibt Mingardi, seien gleichzeitig als Produzenten und Konsumenten tätig. Nicht nur handle es sich beim Markt um ein Verfahren, das keinen im Voraus festgesetzten Zweck habe. Er sei auch frei von Bindungen und Vorurteilen und habe eine große Anpassungsgabe – sei also fähig, auf jede Änderung mit weiteren Änderungen zu reagieren. Selbstverständlich kümmere sich ein Verfahren nicht um die Resultate und könne deshalb auch nicht für sie bürgen. Damit müsse man halt leben. Punkt.

Ich stimme Alberto Mingardi zu. Der Markt ist ein wunderbares Verfahren, das Milliarden von Menschen die Möglichkeit bietet, in Form von Geschäften mit Milliarden von anderen Menschen zu interagieren und zu kooperieren. Wie Mingardi schreibt, ist die Sprache dieses Verfahrens der Preis, und die Preise sind Ausdruck der Attraktivität von einzelnen Gütern. Der Markt leidet dann, wenn ihn Staaten, Behörden oder Kartelle zu dirigieren versuchen, um seine vermuteten möglichen Fehler zu korrigieren.

Die Illusion eines Markts nach Maß oder eines Markts, der gewissen Plänen folgt, mündet in der Überregulierung und ist nicht nur schädlich, sondern begrenzt unsere Freiheit, unsere Entschlussfähigkeit als Akteure des Marktes, unseren möglichen aktiven Beitrag und als Folge auch den technischen und ökonomischen Fortschritt.

Viele politische Vorschläge – darunter einige aktuelle Volksinitiativen in der Schweiz – gehen in diese Richtung und machen den Fehler, den Markt korrigieren zu wollen, um gewisse bevorzugte Resultate zu erzielen.

Fast jeder gibt heutzutage zu, dass eine Marktwirtschaft unabdingbar ist, aber viele möchten sie den eigenen Vorstellungen und Interessen anpassen, um im guten Glauben vorgefasste Ziele zu erreichen.

Doch das ist illusorisch. Das Verfahren namens Markt hat seine Grenzen und duldet nicht, überstrapaziert zu werden. Die wichtigste Bedingung ist die Möglichkeit, frei zu interagieren. Wenn sie künstlich geändert wird, können die Schäden gravierend sein. Den Markt als Alibi für das Versagen der Pläne der Politik zu missbrauchen – als eine Art von soziologischer Projektion, um die Aufmerksamkeit von eigenen Fehlern abzulenken –, kann Erfolg haben. Aber nur kurzfristig. Am Ende führt es zu nichts und könnte sogar einen Bumerang-Effekt auslösen.

Und vergessen wir nicht: Wenn wir gegen den Markt schimpfen, beschimpfen wir uns selber. Denn niemand kann heute noch bestreiten: Der Markt, das sind wir alle.