Der Chef des geheimsten aller Geheimdienste ist nicht leicht zu erreichen. Schon gar nicht in diesen Tagen, da sein Terminplan "extrem dynamisch" ist, wie sein Büro auf eine Anfrage der ZEIT wissen lässt. Und dann meldet sich General Keith B. Alexander plötzlich doch, per E-Mail, direkt aus Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland, dem Hauptquartier der National Security Agency. Welche Auswirkungen die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden haben würden, hatte die ZEIT ihn gefragt. Und Keith Alexander, seit 2005 Direktor des skandalumwitterten amerikanischen Auslandsabhördienstes, antwortet: "Ich glaube, um es mit dem Präsidenten zu sagen, die gegenwärtige Debatte um Privatsphäre, Bürgerrechte und nationale Sicherheit ist gesund; es ist eine Debatte, die entscheidend ist für das Wohlergehen einer jeden repräsentativen Demokratie."

Wie bitte? Die Debatte über die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit hat doch niemand anders angestoßen als der von den Amerikanern als Spion verfolgte Whistleblower Edward Snowden. Und diese Debatte will Keith Alexander nun führen? Ja, bestätigt ein Spitzenmanager der amerikanischen Computerindustrie, der Alexander gut kennt. "Als wir das letzte Mal miteinander sprachen, sagte er mir, er würde sich gern mit der NSA an einem solchen Gespräch beteiligen."

Das Verdienst Snowdens daran anzuerkennen, dass eine solche Debatte allmählich auch in den USA beginnt, wäre allerdings das Letzte, was Keith Alexander einfiele. Snowden ist für ihn ein übler Verräter, der mit seinen Enthüllungen die Arbeit des Geheimdienstes gefährdet und den Terroristen das Handwerk erleichtert. Die wahren "Helden", sagte der NSA-Direktor bei einem Cyber-Symposium vergangenen Donnerstag in Baltimore, das seien "die Leute von NSA, FBI, CIA und des Verteidigungsministeriums, die unsere Nation jeden Tag verteidigen, und zwar legal, und die unsere Bürgerrechte und unsere Privatsphäre schützen".

Seit acht Jahren steht Keith Alexander an der Spitze der NSA. Der 61 Jahre alte Viersternegeneral, geboren in Syracuse im Bundesstaat New York, ist ein Kopfmensch durch und durch. Gleich vier Masterabschlüsse kann er vorweisen – in Betriebswirtschaft, Systemtechnologie, Physik und nationaler Sicherheitsstrategie. 1974 schloss er die Militärakademie West Point ab und machte in den folgenden Jahren als Aufklärungsspezialist beim Heer Karriere.

Als Soldat war er in Deutschland stationiert, er schätzt das Land

Es wird ihn bekümmern, dass die heftigsten Kritiker der NSA-Ausspähprogramme die Deutschen sind. Denn er hängt an Deutschland. Zweimal war er hier stationiert. Das erste Mal von 1975 bis 1978 in Nürnberg, das zweite Mal von 1990 bis 1993, erst in Ansbach und dann in Augsburg. Warm spricht er von diesem Land, in dem zwei seiner vier Töchter geboren wurden.

Damals war er noch nicht bei der NSA. Aber schon vor seiner Zeit waren die Beziehungen zwischen deutschen und amerikanischen Abhörspezialisten eng und herzlich, mag die Bundesregierung heute noch so überrascht und unschuldig tun. So herzlich, dass der deutsche Staat Michael Hayden, dem Vorgänger von Keith Alexander und späteren CIA-Chef, in Anerkennung seines erfolgreichen Lauschens das Große Bundesverdienstkreuz verlieh.

Nein, man soll sich nicht täuschen lassen: Die deutschen Geheimdienste sind voll des Lobes für die exzellente Zusammenarbeit mit den Amerikanern. "Es gibt eine seit vielen Jahren gewachsene gute und enge Kooperation", sagt Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Ein ehemals hochrangiger deutscher Nachrichtendienstmann bestätigt den engen Austausch gerade mit der NSA: "Eine sehr strategische Zusammenarbeit."

Und doch gibt sich die Bundesregierung in diesen Tagen ahnungslos. Prism? Nie gehört! Die Amerikaner fischen millionenfach auch nach E-Mails und Facebook-Einträgen aus Deutschland? Unglaublich! Marcel Dickow, Technologieexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, lächelt über so viel Heuchelei. "Natürlich hat die Bundesregierung davon gewusst. Sie hat sogar davon profitiert." Die deutschen Behörden wüssten auch, auf welchem Wege die NSA zu ihren Erkenntnissen gelange. "Man sieht es der Qualität der Daten an, wie sie ermittelt werden. Experten erkennen anhand eines Datensatzes, dass big data mining dahintersteht."