Der Mann muss zum Arzt, dringend, auf der Stelle. Wie hektisch er sich bewegt, wie seine Augen flackern und der Arm zuckt, sobald man ihm nahekommt. Der Mann ist General in der Armee des Königs Duncan, auf dem Schlachtfeld hat er Blut in Sturzbächen fließen sehen, jetzt ist ihm alles zuwider, sogar das eigene Leben. Jeder Arzt wüsste hier schnell Bescheid und schriebe aus dem Katalog der Krankheiten die Nummer F43.1 auf: Posttraumatische Belastungsstörung. Es passt alles – die Flashbacks, die Antriebslosigkeit, die schlaflosen Nächte, der Alkohol, die Zwangsstörung.

Leider aber kann der Mann nicht zum Arzt, sondern gerät an Frauen, die sein Verderben befördern. Wir befinden uns in Verdis Oper Macbeth, Hexen weissagen dem Titelhelden eine düstere Zukunft. Dann begegnet er seiner Gattin – und jetzt ist erst einmal Schluss mit Verdi, wie man ihn kennt, denn Tatjana Gürbaca hat sich über das Stück hergemacht. Sie ist eine der originellsten und scharfsinnigsten Regisseurinnen der jüngeren Generation, zum Spielzeitschluss hat sie Verdis Meisterwerk am Staatstheater Mainz aus dem schottischen Hochmoor in ein Sonnenblumenfeld umgetopft. Eine Orgie in Gelb. Am Ende ist das Feld natürlich niedergemäht, und bessere Zeiten sind nicht in Sicht: Kaum hat Macbeths Gegenspieler Malcolm die Königskrone übernommen, lässt er im Hintergrund potenzielle Kontrahenten abmurksen.

Tatjana Gürbaca hat zu Verdi eine von wachsender Erkenntnis durchleuchtete Problembeziehung. Früher fand sie ihn eher harmlos: "Puccini und Verdi – mit diesen beiden, dachte ich, würde ich bestens zurechtkommen." Tatsächlich war ihre Grazer Inszenierung von Puccinis Turandot 2001 ein furioses Debüt, kurz zuvor hatte sie dort beim Regiewettbewerb Ring Award die Opernintendanten auf sich aufmerksam gemacht. Bald sprach man von einem sensationellen Talent, das im Studium an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin und vor allem von ihrer Lehrerin Ruth Berghaus, von ihrem Mentor Peter Konwitschny die Neugier auf das vermittelt bekommen hatte, was unter der Oberfläche liegt. "Irritation ist immer gut", sagt Gürbaca schlicht, "ein Abend muss nicht rund ausgehen."

Ihr Vater ist Türke, ihre Mutter ist Italienerin

Tatsächlich sind ihre Inszenierungen Schnitzeljagden fürs Gehirn. Man wähnt sich weit weg von den Stücken – und steckt doch mittendrin. Was Gürbaca dabei anders macht als die alten Regietheater-Recken, denen sie sich durchaus verpflichtet fühlt? Sie braucht keine festgezurrte Ästhetik, um sich auszudrücken. Sie liest, hört und schaut immer wieder neu, so banal das klingt. Und sie hat ein Faible fürs Blutige.

Die Lady in Verdis Macbeth etwa hat jung geheiratet, aber keine Kinder, der Mann ist ein Schweiger und sowieso nie zu Hause. Einsamkeit umweht diese Figur, die als Inkarnation weiblicher Bosheit auf der Opernbühne gilt. Und weil da so gar kein Fünkchen Glück am ehelichen Horizont glimmt, geht die Saat der Hexen auf. Eine zerstörerische Illusion frisst sich in die Hirne und Herzen, und auf ihrem Leichenweg reißen die Macbeths alles mit, was sich ihnen in den Weg stellt. Gürbaca erzählt das konsequent, und ihr gelingen fabelhafte Bilder – wie die Lady sich zur Leutseligkeit aufrappelt und beim Festbankett nach Macbeths Krönung eigenhändig die Würstchen vom Grill verteilt. Staatsempfänge sehen anders aus, aber das hier ist ja auch ein Gelage für lauter Mörder. Entsprechend rau sind die Sitten, und entsprechend panisch reagiert Macbeth, wenn ihm der Geist des ermordeten Königs Duncan ein Küsschen auf die Stirn drückt. Doch bald weicht die Panik einer großen Todessehnsucht: Umweht so eine Leiche nicht auch der herrlich linde Hauch des Friedens?

Tatjana Gürbaca, 1973 in Berlin geboren, wusste schon von Jugend an, dass sie Regisseurin werden und mit Finsterlingen wie Macbeth leben wollte. Die Tochter eines türkischen Vaters und einer italienischen Mutter liebt die Arbeit im Team, das kollektive Lernen, das Probieren, den Nervenkitzel vor der Premiere. Zur Ruhe kommt sie im ICE, wenn sie zwischen Berlin, wo sie lebt, und ihrem Arbeitsort Mainz pendelt. Dort ist sie seit zwei Jahren Operndirektorin, das Talent ist im Betrieb angekommen, mit Büro im zweiten Stock auf dem Intendantenflur. Außerdem ist sie gerade 40 geworden und damit, wie sie grinsend sagt, "dem Wunderkind-Alter endgültig entronnen". Sänger, Bühnenbildner, Dramaturgen, alle loben Gürbacas so pragmatische wie kreative Art, mit der Vorläufigkeit eigener szenischer Lösungen umzugehen – und mit den Gefahren, die große Opern wie Köder auslegen.

Intuitiv spürt sie, dass sie sich Verdis Macbeth irgendwann noch einmal aussetzen muss. Einstweilen leidet sie noch an ihm, die Oper sei so schwer zu inszenieren, "die Arien sind zu kurz", immerzu wechsle die Szene, da könne sie keine Entwicklungen bauen, die über das Sonnenblumenfeld als Einheitsnatur hinauswüchsen. Ein bisschen merkt man dem spannenden Abend an, dass der Regisseurin noch einige Lernkurven bevorstehen. Gürbaca neigt indes zur Gründlichkeit, ihre Verdi-Recherche geht in der nächsten Saison weiter, mit Aida am Zürcher Opernhaus und La Traviata in Oslo.

Vor einiger Zeit hat sich Tatjana Gürbaca eine Bahncard 100 gegönnt. Sie ist so viel unterwegs, einige Zugschaffner kennen sie schon: Die große, schlanke Frau mit den Partituren auf den Knien, dem Bleistift in der Hand und dem versunkenen Blick aus dem Fenster. Dort sieht sie nicht nur reale Landschaften vorüberziehen, sondern auch solche, die zunächst nur in ihrer Vorstellung existieren. Einmal fiel ihr auf der Strecke zwischen Mainz und Berlin ein ferner, mythischer Ort ein, ein legendäres Pilgerziel. Die Wände dieser Wunderstätte waren hoch und schneeweiß, zu heiligen Zeiten rann Blut in dünnen Streifen herab, und die Leute, die es sahen, guckten wirr, dankbar, verstört, enthusiastisch. Jedenfalls wollten sie das Wunder immer wieder erleben.