I. Am bayerischen Königshof

Als Paul Breitner kurz vor dem Champions-League-Finale bei Markus Lanz in der Sendung saß und auf die Frage, was denn wohl in seinem Verein los wäre, wenn der FC Bayern das Spiel gegen Dortmund verlöre, derart pikiert, angefasst und geradezu angewidert reagierte, da wusste man, dass eine neue Zeit angebrochen war. Jeder Zweifel am FC Bayern ist, so sieht es der innere Kreis des Vereins, nun nicht mehr eine bloße Unhöflichkeit, sondern eigentlich schon Verrat. Es geht mittlerweile um Höheres: Weltbedeutung. Hier wird das hergestellt, wofür uns die anderen achten. Hier wird die wahre deutsche Außenpolitik gemacht. Es ist in diesen Tagen so, als wollten die Bayern uns allen sagen: Wir tun das doch auch für euch.

Die Ankunft des neuen Trainers Pep Guardiola, 42, war wie ein ausgiebiger Staatsbesuch – Pressekonferenz mit den Machthabern, Freizeitprogramm mit wichtigen Entscheidungsträgern, Begegnung mit dem Volk –, an dessen Ende der Gast, ein spanischer Prinz, ehrenhalber eingebürgert wird: Dieser elegante, demütige, zarte Herr gehört nun zu uns, seid uns dankbar dafür, dass wir ihn geholt haben.

Der mächtige Mann kommt in unser Land und spricht unsere Sprache. Man weiß es seit Kennedy: Wenn sich verehrte Ausländer auf Deutsch erklären, schlägt die Zuneigung der Deutschen in Liebe um. Man war gespannt auf Guardiolas Verwandlung, auf seine Stimme, seinen Habitus. Wer eine neue Sprache lernt, wird ja in ihr ein wenig zu einem anderen Menschen. Wie würde die deutsche Sprache den großen Pep verwandeln?

Die älteren unter den 240 Journalisten fühlten sich auf der Pressekonferenz an den Medienrummel erinnert, der bei der ersten Mondlandung ausgebrochen war: Man sah einen Mann, der als Spanier ins Weltall (nun ja, nach New York) verschwunden war und als Deutscher zurückkam.

Er spricht scheu, vorsichtig, seine Stimme von Kehllauten grundiert, das Vokabular aber strikt deutsch. Selbst das bayerische Lieblingswort "Riesenherausforderung" zwingt ihn nicht in die Knie, er spricht es flüssig, mit hilfreichen katalanischen Schublauten: "Chriesencherausforderung". Sein Münchner Auftritt ist eine Demonstration der Lernbereitschaft und der Selbstzähmung.

Alle Männer auf dem Podium halten sich in Demut zurück, denn hier werden Machtverhältnisse neu geordnet. Drei Könige, Hoeneß, Rummenigge, Sammer, alles große Schlachtenlenker, machen sich kleiner, damit ein Vierter in ihrer Mitte Platz findet. Pep ist in dieser Konstellation der reine Künstler, der dem Verein geben soll, was der nie hatte: die Aura von zweckfreier Schönheit und Kunstfertigkeit, ja fast von Unschuld.

Denn es geht hier ums Äußerste: um Liebe. Es fallen einem die erotisch aufgeladenen Wendungen ein, die gern im Zusammenhang mit Pep benutzt werden. Wenn die Bayern-Chefs von der Annäherung zwischen Guardiola und dem FCB sprechen, tun sie es in einem schier zärtlichen Ton, als werde der Beginn einer romantischen Geschichte rekapituliert. La Vanguardia, die große Tageszeitung Katalaniens, verglich Guardiola mit einer ehemaligen Geliebten, die man – als Katalane – plötzlich in der glücklichen Umarmung eines anderen Mannes sieht. Während man noch darüber nachdenkt, was das bedeuten könnte, sagt Karl-Heinz Rummenigge in München vor der Presse: "Ich bin ganz sicher, dass Pep Guardiola den deutschen Fußball befruchten wird."

Stolz und Demut sind die zentralen Begriffe dieser Pressekonferenz. Der Mantel der Fußballgeschichte, wenn er jetzt nicht weht, weht er nie!

Es wäre allerdings besser für seine geistige Gesundheit, Guardiola hätte gar nicht Deutsch gelernt. Dann würde er nicht verstehen müssen, wie alle, die ihn hier hofieren, ihm demnächst wieder in den Rücken fallen werden mithilfe jener speziellen Bayern-Zangentaktik, die es etwa dem langjährigen Präsidenten Beckenbauer erlaubte, in einer Bild- Kolumne aus der Ferne seine eigenen Spieler anzugreifen. Pep ahnt aber schon, in was er da hineingeraten ist. Ein Boulevardreporter hat ihm auf dem Flug von Barcelona im Flugzeug aufgelauert und ihn nach München "begleitet": Eine der Plagen, die ihm in den nächsten Jahren zusetzen werden, hat ihn also schon in Katalonien abgeholt.