Reinhard Jirgl möchte jemanden so richtig windelweich prügeln. Jemanden oder etwas oder am besten beides. Und da er nicht genau weiß, was das Objekt seines Zornes und seiner Rage ist, nimmt er, von Hause aus auch ein philosophischer Kopf, gleich alles: die Macht und die Menschen, den Staat und die technische Kontrolle, die weiche, nachgiebige, organische Substanz und das stahlharte Gehäuse, die Vergangenheit, die Zukunft, ja die Zeit selbst. 

Er beginnt zu rasen in der Rage, und dann merkt er, dass es ihn hinwegträgt und dass die Kontrolle über die rasende Sprache der Intensität und Geschwindigkeit der Raserei selbst entsprechen muss, sonst reißt es ihm den Roman unter den Händen weg; und er beginnt zu planen und zu sortieren, zu zeichnen und zu choreografieren und auszumalen und zu übermalen, und er formt Anmerkungen und Register und Erklärungen und Regeln und Gesetze, und dabei entsteht ein Buch wie selten eins, ein Roman, der unablässig an das kontrollierende Deuten des Lesers appelliert, an das Entschlüsseln von symbolischem Mehrwert und Parabeln und putzig verpanzertem Weltwissen; es entsteht ein Roman, der sich gerne verschwinden machen möchte in Chaos und Intensität. Es soll heiß sein in der Hölle des Romans und eisig zugleich.

Zweifellos ist Reinhard Jirgl ein Meister. Schließlich hat er den Büchner-Preis bekommen. Der Meister zwirbelt die Umgangssprache, bis sie ein Jirglsches Idiom mit ganz eigenen Satzzeichen und Wörtern und grammatischen Eigenheiten ergibt. Das ist seit etlichen Jahren vertraut, macht die erneute Jirgl-Lektüre deshalb aber weder eingängiger noch, wie wohl intendiert, widerständiger im Sinne von aufmerksamkeitssteigernd. Lingua-forming könnte man diesen Prozess nennen in Analogie zum Motiv des terra-forming, das den jüngsten Jirgl-Roman Nichts von euch auf Erden durchzieht und die menschliche Anmaßung, die Schöpfung ganz in die eigene Hand zu nehmen, als konkret technische meint.

Zweifellosss lussstig

Er zwirbelt die Sprache also, möchte sie windelweich prügeln, um sie dann neu zu formen. Und als ob das nicht reichte, geht er jetzt auch semantisch in den Exzess. Er überschreitet die Grenzen der Moral und des guten Geschmacks, was gar nicht so leicht ist, wenn immer wieder so etwas wie gute Absicht durchscheint; er bemüht ultimative Grausamkeiten, Gulag- und KZ-Szenen buchstäblich en masse, eingestreut seitenlange florale Orgasmusmetaphernwucherungen oder futuristisch aufgepimpte geologische Fachsprachenstrapazen.

Und wenn es sein muss, wird das Stottern oder Lispeln von Mundbehinderten, weil es so schön stockt und zischt und seibert und sintert, seitenweise in der Sprachgestalt nachgebildet: Tssst, tssst, tssst. So hören sich Lagerfolter plus sprachmoderne Systemkritik zusammen an: "Jeder Tote verstärkt die Ssssensssibilität vom Sssysstem. Dasssisss die eintsssige Schongsss für=unsss, Dasssyssstem tsssu !überlissstn." Das ist zweifellosss auch lussstig, in einem bestimmten Register für schwarzen Humor jedenfalls. Und es ist tatsächlich auch genauso gemeint hier an dieser Stelle, was der Folgesatz beweist: "?Hasstu vielleicht nen lockeren Tssahn, Kumpl." Aber meistens ist da gar nichts lustig, sondern Jirgl steckt knietief in Galle und Bitternis.

Der Roman ist aufgespannt zwischen den Bildprogrammen elektro-organisch aufgemotzten Metal-Trashs und pazifizierter Körperlosigkeit; man kann auch sagen zwischen der alten Erde, auf der antik gewandete weiße Gestalten wie weiland die Stoiker wandeln, und dem Mars, wo Human Orcs sich zu Tode malochen. Es handelt sich nämlich bei Jirgls Nichts von euch auf Erden um einen Science-Fiction-Roman. Wir betonen das so spät, weil es sich natürlich zuerst und zuletzt um einen Jirgl-Labor-Versuchs-Auftrumpf-Roman der sprachverformenden Art handelt. Um eine Botschaft, mehr an die Zunft als aus der Zukunft.

Und dann ist es eben auch eine Science-Fiction-Fantasie dystopischen Charakters, wie sie gerade Mode ist. Kürzlich hörte man Derartiges bei zwei der sieben zum Döblin-Preis Nominierten. Und man las Verwandtes von Georg Klein, Ernst-Wilhelm Händler, Benjamin Stein. Auch Corpus Delicti von Juli Zeh, inzwischen Schullektüre, wo wackere Liebende dem Gesundheits- und Kontrollwahn der Oberen entgegentreten.