Bürger Hamburgs! Dieses Buch ist die Gelegenheit, einmal eure ganze Stadt kennenzulernen, nicht nur jenen streng abgezirkelten Ausschnitt, in dem ihr euch nach Einkommen und kultureller Prägung eben so bewegt. Hamburg ist ja die am stärksten segregierte deutsche Stadt. Hier hat jedes Milieu seine eigenen Straßenzüge, seine eigenen Clubs und seinen eigenen Kleidungsstil. Einem Hamburger sieht man auf 20 Meter Entfernung durch bloßen Augenschein an, was er verdient.

Die Schriftstellerin Sabine Peters, Jahrgang 1961, lebt in Hamburg. Mit Narrengarten hat sie die Stadt soziologisch wie sprachlich nuancenreich erkundet. Der Roman ist ein Sozialpanorama, das seinen Bogen spannt von ganz unten, dem vom Wege abgekommenen Obdachlosen, bis zur gehobenen Mittelschicht, die ihre Osterhasen aus purem Obstsaft im Fruchtgummiladen in der Mönckebergstraße kauft. Jedes der 26 Kapitel stellt eine Figur in den Mittelpunkt des Interesses. Verknüpft sind die Kapitel und ihre Protagonisten nur lose: mal durch Bekanntschafts-, mal durch Verwandtschafts- oder Arbeitsverhältnisse. Einen Reigen entfaltet Sabine Peters, ähnlich wie es Robert Altman in Short Cuts getan hat oder Ingo Schulze in seinen berühmten Simplen Storys.

Jedem Narren seine Kappe, heißt es. Ein sanfter Fatalismus liegt über diesen Lebensgeschichten. Sind unsere individuellen Lebensentwürfe nicht vor allem Macken und Marotten? Schon, und Sabine Peters beschreibt diese mit hintersinnigem Witz, der ein genaues Bewusstsein für alles Vergebliche hat. Aber zugleich nimmt sie die Sehnsüchte ihrer Figuren ernst und ist weit davon entfernt, sich über deren Illusionen lustig zu machen. Dafür beißen diese Jedermanns zu tapfer die Zähne zusammen angesichts ihrer eigenen Unzulänglichkeiten. Und weil Sabine Peters ein hervorragendes Ohr für unterschiedliche Stimmlagen hat, lässt sie ihre Figuren häufig aus dem inneren Monolog heraus leben, wodurch die närrischen Vergeblichkeiten immer etwas Anrührendes haben. Bei Sabine Peters gibt es keine Ironie ohne Mitleid, aber auch keine Nähe ohne Spott.

Zuerst beim Schulkonzert: Auch die taubeste Nuss kriegt heute ein Instrument in die Hand gedrückt. Beim Konzert heißt es dann: "Der Dirigent hat es nicht einfach, fünfzig gegen einen." Am anderen Ende des Lebenslaufs steht die Pflege. Renate Kaiser war einst eine strenge Bibliothekarin. Jetzt ist sie ein Pflegefall. Wenn ihr Pfleger vorbeischaut, spricht er sie immer mit "Frau Kaiser" an. In der Einsamkeit des Alters kann einem der Vorname abhandenkommen: "Guten Appetit, Frau Kaiser. – Ich hatte einmal einen Vornamen. Frau Kaiser, das klang auf der Arbeit respektvoll. Jetzt klingt es hohl."

Sabine Peters’ Witz ist immer lakonisch. Wenn Vera, zwei Kinder und mit einem Anwalt verheiratet, Freundinnen ihr Haus vorführt, dann nennt sie ihr Schlafzimmer "meine Kemenate": "Kemenate, das ist der angesagte Euphemismus für getrennte Schlafzimmer, weil die eine schwitzt und der andere schnarcht oder fremdgeht." Und Dieter, der in Flottbek die Villen in Schuss hält, muss sich, wenn er für die Anschaffung eines neuen Staubsaugers plädiert, schon einmal anhören: ""Wissen Sie, Dieter, wir haben unser Geld nicht, weil wir’s aus dem Fenster werfen. Haben kommt von halten! Sehen Sie sich doch das Ding mal an."

Wer Anna Katharina Hahns Kürzere Tage mochte, der wird auch Narrengarten schätzen. Beide haben einen sardonischen Blick für den deutschen Durchschnittsalltag. Die Schwäche von Narrengarten, das sei nicht verschwiegen, liegt in seiner Beschränkung auf diesen punktuellen Blick: Keine Handlung führt die Figuren zusammen, geschweige denn voran.