Was privat ist, was publik, was offen, was vertraulich – dies steht in der Schweiz in einem eigenartigen Verhältnis zueinander. Diskretion gehört zum Wesen ihrer Bewohner, weshalb Popstars, Milliardäre oder Präsidenten durch die Straßen laufen können, ohne dass einer mit dem Finger auf sie zeigt; aber zugleich neigen hier wohl überaus viele Menschen dazu, den anderen zu überwachen und sich belehrend um den Nächsten zu kümmern. Das Land war lange stolz auf sein Bankgeheimnis, und jeder bürgerliche Politiker, der gefragt wurde, tat so, als ob die finanzielle Privatsphäre hier noch besonders geschützt werde.

Aber fast ebenso lange konnte jeder mit einem Anruf beim Steueramt erfahren, was der Nachbar so verdient. Die Schweiz hat eines der strengsten Datenschutzgesetze der Welt, doch zunehmend lässig suchen Staatsanwaltschaften per Internetsteckbrief nach Verdächtigen – selbst bei Bagatelldelikten.

Das eigenartige Verhältnis von Privatem und Öffentlichem wird momentan neu justiert. Die westlichen Staaten stellen ihre Bürger unter eine verschärfte Überwachung, und diese Tendenz lässt die Schweiz nicht unberührt. Da sind die Schnüffelnews aus den britischen und amerikanischen Geheimdiensten, die jedem zu verstehen geben, dass auch sein Mail- und Telefonverkehr angezapft wird.

Da wird der "automatische Informationsaustausch" über Bankdaten "zum internationalen Standard" erklärt, was heißt: Jeder Staat muss anderen Steuerbehörden Einblick in die Bankkonten auf seinem Gebiet gewähren. Oder da gibt es Bestrebungen, ob in Nordamerika oder in Europa, große Geldscheine aus dem Verkehr zu ziehen und den Bargeldverkehr auf ein Minimum zu stutzen – weil der sich so schlecht beaufsichtigen lässt. Transparenz beim Bürger, Transparenz für den Staat.

Die Schweiz wirkt dabei getrieben und geschupft, jedenfalls auf den ersten Blick. In den Steuerstreitigkeiten kommt man allenfalls zähneknirschend den Forderungen aus Brüssel oder Washington nach. Die Enthüllungen von Edward Snowden deuten an, dass die US-Geheimdienste auch hier, auf dem Finanzplatz Genf, nach Informationen stöberten. Was wiederum Verteidigungsminister Ueli Maurer in Interviews zur Feststellung veranlasste, seine Staatsschützer benötigten mehr Kompetenzen, um derartige ausländische Spionage abzuwehren.

Derweil hat es die Schweiz selber geschafft, sich erfolgreich als Hort der Diskretion, des zurückhaltenden Staates und des Persönlichkeitsschutzes zu verkaufen. Zum Beispiel im Bankgeschäft, im Rohstoffhandel, im Versicherungsgewerbe. Darauf baut die Wirtschaft jetzt sogar auf.

Ein Sektor, welchem die helvetische Diskretion im neuen Jahrhundert ebenso viele Chancen bieten soll wie den Banken im letzten, ist die Datenspeicherung. Eben erst erarbeiteten Economiesuisse, der Wirtschaftsdachverband, und Asut, die Telekom-Organisation, eine Studie über das enorme Potenzial im Rechencenter-Business.

Die Schweiz hat demnach heute die zweitgrößte Dichte an Datentresoren in Europa, jährlich werden hier zwischen 200 bis 400 Millionen Franken in neue Anlagen investiert, Tendenz steigend; damit entstehen Arbeitsplätze und vielleicht ein neuer Technologie-Cluster. Zu den Faktoren, denen dies zu verdanken ist, zählen Stabilität und eine gute Infrastruktur, aber eben auch der Datenschutz und die Diskretion.

Swisscom investiert Millionen in Datencenter

Das bekommt beispielsweise die Swisscom zu spüren, die momentan am Stadtrand von Bern ein 100-Millionen-Franken-Datencenter hochzieht und dabei von einer steigenden Nachfrage berichten kann. "Das Thema Sicherheit und Datenschutz ist bei unseren Kunden ganz oben auf der Agenda", sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze.

Und dies hat ganz grundsätzliche Folgen: "Die Schweiz hat die Chance, einer der großen Datenspeicher zu werden", meint Kurt Lanz, Geschäftsleitungsmitglied von Economiesuisse, zuständig für Infrastruktur. "Hier ist es eben auch für den Staat weniger einfach als anderswo, die gespeicherten Daten einzusehen." Oder genauer: Hier können die User noch davon ausgehen, dass eine Fahndungsbehörde zuerst einmal eine richterliche Verfügung vorweisen muss, bevor sie auf die Server zugreifen darf.