Lavendelduft kann Holger Fröhlich bis heute nicht ausstehen. Dabei hatten es die Eltern mit dem Provence-Urlaub nur gut gemeint.

Bei der Urlaubsplanung mit einem Pubertierenden kann man wohl nichts richtig machen – aber eine Menge falsch. Meine Eltern hatten erkannt, dass die idyllische Vater-Mutter-Kind-Beziehung auf ein jähes Ende zulief. Das Kind wurde zusehends ungehorsam und die Beziehung zur Zerreißprobe. Sie ahnten, dass es der letzte Familienurlaub sein würde.

Meine Eltern hatten die Wahl gut gemeint und doch schlecht getroffen. Drei Wochen Südfrankreich im Renault Clio, das klang für mich damals wie Hausarrest und Taschengeldentzug in einem. Mit den Eltern auf engstem Raum über Landstraßen zu gurken wie Einzelhaft mit doppeltem Wachpersonal. Ich fühlte mich ausgeliefert – zu jung, um alleine zu reisen, und zu alt, um mit Erziehungsberechtigten gesehen werden zu wollen.

Den sozialen Frieden sollte ein umfangreiches Programm sichern. Wer den ganzen Tag unterwegs ist, hat abends keine Kraft mehr zum Streiten, das war der Plan. Auf das Programm hatte ich keinen Einfluss. Als Einzelkind wurde ich von überzeugten Demokraten regiert, denen die einfache Mehrheit genügte. Statt anonymer Hotels hatten meine Eltern familiengeführte Pensionen weitab der Touristenhorden gewählt, statt bräsig zwischen öden Landsleuten am Strand zu dösen, würden wir durch endlose Lavendelfelder mäandern, und aus dem Autoradio sängen immerfort französische Chansons. Ob das nicht toll klinge? Mir wurde übel.

Auf der Fahrt zur ersten maison provençale saß ich stumm auf der Rückbank und rang mit der Pubertät. Ich hatte zwar einen Gameboy dabei, jedoch wurde mir von den gewundenen Landstraßen schlecht, sobald ich den Blick abwandte. Also krallte ich mir eine Plastiktüte, starrte auf die Landschaft und wünschte mich in eine andere Familie.

Die Unterkunft war malerisch – für meine Eltern Monet, für mich Munch. Einen Fernseher gab es nicht, stattdessen große Fenster, die tagein, tagaus Lavendelfelder zeigten. Auf das Häkeldeckchen meines Nachttischs legte ich demonstrativ ein ausgewählt sadistisches Buch von Stephen King, das ich einzig zu dem Zweck mitgenommen hatte, meinen Eltern zu missfallen. Der Wälzer war schrecklich langatmig geschrieben und handelte von einer gefesselten Ehefrau – ich kam in den drei Wochen nicht über das erste Kapitel hinaus. Stattdessen versuchte ich, mit meinem Laserpointer rote Atom- und Peace-Zeichen auf die umliegenden Bauernhäuser zu projizieren. Die meisten aber standen so weit weg, dass sich meine Zeichen irgendwo auf halbem Weg im Lavendelduft verloren. Mir blieb nichts anderes übrig, als früh ins Bett zu gehen.

Wenigstens gibt es Waffen

Das dichte Ausflugsprogramm der nächsten Tage erschien mir so verlockend wie Pediküre oder Dressurreiten. Mal trottete ich durch die Papststadt Avignon, starrte den weißen Pferden der Camargue auf die Hufe, langweilte mich im Künstlerdorf Saint-Paul de Vence und auf dem Blumenmarkt von Nizza. Auf den Speisekarten standen Dinge wie Kutteln oder Fischsuppe; jedes Mal hoffte ich auf einen Übersetzungsfehler, und jedes Mal wurde ich enttäuscht. Mal überwog der Geruch nach Thymian, mal der nach Rosmarin, Lavendel immerdar.

Als mein Vater erkannte, dass in mir keine Frankophilie keimen wollte, machte er mich verschwörerisch auf die schönen Französinnen ringsum aufmerksam. Als seien sie mir bisher entgangen. Natürlich hatte ich sie bemerkt. Doch während andere Menschen Selbstbewusstsein hatten, hatte ich nur zu große Füße. Ich wusste nichts von den Vorlieben schöner Französinnen, aber ich war mir sehr sicher, dass ich nicht dazu gehörte.

Kurze Momente des Glücks fand ich beim heimlichen Rauchen und – wenn die Übelkeit nachgelassen hatte – auf Streifzügen durch Seitengassen. Französische Händler machten mich zum stolzen Besitzer eines Ninja-Wurfsterns, für den ich keine Verwendung hatte, außer meine Eltern in Harnisch zu bringen. Mit Erfolg. Die verbotene Freude über eine ebenfalls frisch erworbene Luftdruckpistole war von kurzer Dauer, da ich schon nach wenigen Tagen den Schlitten abgerissen und mich damit ganz ohne die Intervention meiner Eltern von selbst wieder abgerüstet hatte.

In Grasse, der Welthauptstadt des Parfums, verbrachte ich den letzten Tag am Pool. Ich schloss die Augen und schwor mir, dem Französischunterricht in Zukunft noch weniger zu folgen. Einfach so, zum Trotz. Darüber muss ich eingeschlafen sein, denn als ich am nächsten Morgen zur Heimfahrt ins Auto stieg, scheuerte ich einen rückenfüllenden Sonnenbrand am Sitz wund. Glücklicherweise lag der Wurfstern im Kofferraum.

Holger Fröhlich