Bjørn Erik Sass wollte Bikinimädchen in Spanien und bekam Karibus in Kanada. Danach war unser Autor nicht mehr derselbe.

Als ich noch jung war, wollte ich eine unbeschwerte Beziehung zu Frauen entwickeln. Zu diesem Zweck plante ich, mit einigen Freunden – wir waren 15 Jahre alt – in den Sommerferien nach Spanien zu reisen. Das stellten wir uns wohlig und warm vor, wegen des Klimas, vielleicht wegen heimlich genossenen Weins, vor allem aber wegen der Scharen von Bikinimädchen. Denen würde da ja niemals kalt, zu keiner Tageszeit müssten sie Pullover tragen, wir hätten immerzu Schönheit vor Augen und würden auf diese Weise mit einer großen Portion guter Eindrücke schnell erwachsen. Hätte prima so laufen können.

Kurz vor den Ferien entschied die Familie aber, ich müsste nach Kanada reisen und meine Tante besuchen. Die lebte allein, es ging ihr nicht gut, und mit meiner kindlichen Lebensfreude sollte ich sie aufmuntern. Okay, dachte ich, Montreal ist nicht Spanien, aber sie werden ein Freibad haben. Noch bevor ich mich dort umschauen konnte, fand meine Tante mich allerdings längst nicht mehr aufmunternd, sie fand mich pubertär anstrengend und setzte eine Verleihkette in Gang. Ich wurde an den Chef ausgeborgt, von diesem an seinen Bruder, der hatte einen Freund, John. So landete ich irgendwann am nordwestlichen Ende der Hudson Bay.

In dieser Siedlung gab es kein Freibad und keinen einzigen Bikini anzusehen. John und seine Frau, noch drei, vier Leute und ich machten einen Ausflug in die Wildnis. Kanufahren und Wandern. Die Erwachsenen fanden das grandios, so abwechslungsreich. Ich fand es langweilig, alle Flüsse gleich und die Bäume sowieso. Abends am Lagerplatz brachten sie mir das Schießen bei, aber ich hätte lieber Beachball gespielt, mit warmem Sand zwischen den Zehen.

Ich dachte an meine Freunde in Spanien. Die saßen jetzt irgendwo und sahen Frauen an, ganze Strände voller Frauen, eine aufregender als die andere. Ich dagegen schaute auf Herden von Karibus, eines mückenumschwärmter als das andere. Eines sollte ich schießen, das wollten wir essen. Ich zögerte, vielleicht ahnte ich, dass so ein erster Schuss Dinge in Bewegung bringt und nicht immer so, wie man will. Schoss dann doch. Die Herde rannte weg, wir gingen zum toten Tier. Es war spät am Nachmittag, die Sonne stand tief und spielte gegenlichtig im Haar von Johns Frau. Das sah so hübsch aus, und ich merkte, dass ich davon ganz weich und weit und offen wurde. Dann drehte die Welt sich weiter, ich aber hinkte hinterher – und habe vielleicht nie wieder richtig aufgeholt.

Die Frau stand nicht mehr im Gegenlicht, sie hockte am Boden. Sie hatte das Tier aufgebrochen und steckte bis über die Ellenbogen in Blut und Gedärm, als sie mein Karibu ausweidete und damit auch ein Gefühl der Unschuld aus mir herausriss. Ich hatte schon gelesen, dass auch Frauen heutzutage so etwas tun, aber es selbst mitanzusehen, dafür war ich noch zu empfindlich. Da ist etwas in mir zerbrochen. Ich hätte in den nächsten Jahren, als mich niemand mehr nach Kanada zwang, im Sommer an den Strand gehen und mich umschauen können. Dafür war ich aber zu erschrocken.