Die Halle ist fast so lang wie ein Fußballplatz. Roher Zementboden, verstaubte Rohre an den Wänden. Durchs Flachdach ist Wasser gesickert, das hat weiße Schlieren an den gewölbten Betonträgern gebildet. Eine Gruppe steht im Scheinwerferlicht, eine Bürgerin reckt die linke Faust zur kahlen Decke und schreit: "Do isch neana nonz gwäa als wie do!"

Schon in Stuttgart wird dieses erdige Schwäbisch kaum noch verstanden: Da ist nirgends nichts gewesen außer hier.

Gemeint ist Mössingen. Eine Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb, 20 Kilometer hinter Tübingen. Am 30. Januar 1933, als Hitler an die Macht kam, hatte Mössingen gut 4000 Einwohner. Dieser kleine Ort war der einzige im deutschen Reich, der den Aufruf der Kommunistischen Partei zum Massenstreik befolgte. Weder in Hamburg noch in Berlin noch sonst wo gab es den Versuch, die Nationalsozialisten mit einem Streik in die Knie zu zwingen. Nur Mössingen hat’s gewagt: Am 31. Januar 33 versuchten 800 Streikende, die drei Textilfabriken am Ort lahmzulegen.

80 Jahre später bringt das Theater Lindenhof dieses Ereignis auf die Bühne. Unter der Regie von Philipp Becker spielt es Ein Dorf im Widerstand. Das Stück wird aber nicht im Lindenhof gegeben, auf der kleinen Bühne des großen Regionaltheaters in Melchingen. Die Theatermacher sind herabgestiegen von ihrem Dorf auf der Schwäbischen Alb und haben die Spielstätte um ein paar Kilometer verlegt, hinein nach Mössingen. Genauer gesagt in die denkmalgeschützte Bogenhalle der Pausa. Das war im 20. Jahrhundert eine international anerkannte Textildruckerei, vor ein paar Jahren ging sie in Konkurs. Am 31. Januar 1933 begann in dieser Fabrik der Streik.

Die Inszenierung von Philipp Becker spielt virtuos mit der Masse. In der tiefen Halle lässt er 150 Schauspieler und Musiker auftreten. Zwei Chöre stehen sich unversöhnlich gegenüber. Links schreien die Auswärtigen: "Ein würdiges Gedenken muss her! Das muss aufs Tapet und nicht unter den Teppich!"

Von rechts keifen die Mössinger zurück: "Man muss nicht alte Wunden wieder aufreißen! Da gehört ein für alle Mal ein Strich gezogen!"

Die Linken brüllen, diese Suppe gehöre nochmals aufgekocht. Die Rechten schreien, da seien zu viele Haare drin. Dann stürmen beide Gruppen aufeinander zu, der Zusammenstoß scheint unausweichlich.

"So anmaßend sind wir", sagt der Regisseur Becker. "Kunst muss raus in die Welt." Das Theater begibt sich ins Getümmel einer verbissenen Auseinandersetzung. In Mössingen ist man uneins, wie das herausragende Datum der Ortsgeschichte zu bewerten ist: Waren die Streikenden Helden des Widerstands? Oder naive Spinner, die von der Diktatur des Proletariats träumten?

Der Autor Franz Xaver Ott hält sich an die historischen Fakten. Er hat kein Agitprop-Stück geschrieben, das den kommunistischen Widerstand heroisiert. Er lässt auch die Skeptiker zu Wort kommen.

Ein Trupp mit schwarzen Masken tritt auf. Die Hasskappenmänner schleichen durch die Halle, das Gespenst des Kommunismus geht um. Die Gestalten raunen: "Und morgen, und morgen, und morgen wird sozialisiert. Dann gehört uns deine Kuh."

Franz Xaver Ott hat das Stück auf zwei Ebenen angelegt: der Spielebene vom Januar 33 und der Rahmenebene, die im Heute angesiedelt ist. Auf ihr bewegt sich der Angelus novus, der "Engel der Geschichte". Diese Figur ist inspiriert von Walter Benjamin, gespielt wird sie von Oliver Moumouris. Auf seinem Rücken trägt er Flügelchen, seine Präsenz füllt die schwer zu bespielende Bühne. Er stemmt sich gegen den Sturm, der ihn aus der Halle zu blasen droht, und sagt: "Geschichte ist ein Berg von Trümmern, und der Engel will zurückgehen, um die Dinge zu ordnen und das Zerstörte zu reparieren."