Die amerikanische Wirtschaft wird diesen Monat auf einen Schlag um zwei bis drei Prozent größer werden, zumindest in den volkswirtschaftlichen Statistiken. Verantwortlich für das plötzliche Wirtschaftswunder ist das Bureau of Economic Analysis, eine Behörde in Washington, deren Beamte für die volkswirtschaftliche Buchhaltung der USA zuständig sind. Im Juli dieses Jahres verändern sie nämlich die Regeln, nach denen sie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) berechnen.

Das BIP misst den Wert aller Waren, Güter und Dienstleistungen, die ein Land im Jahr produziert. In Zukunft werden bei dessen Berechnung unter anderem Kunst und "kreative Werke" mehr Gewicht haben als bislang. Ein Hit wie Lady Gagas Born this Way wird dann nicht mehr nur in die Annalen der Popkultur eingehen, sondern auch in die Zeitreihen zum amerikanischen BIP. Bislang spielte Gagas Schaffen in den Berechnungen der Statistiker nur eine Rolle, wenn Fans ihre Lieder für Geld aus dem Internet herunterluden, CDs kauften oder Tickets für ein Konzert erwarben. Die neue Buchhaltung in Washington behandelt Kunst und "kreative Werke" nun selbst als "immaterielle Vermögensgegenstände" und betrachtet nicht mehr allein die damit erwirtschafteten Umsätze. Das gilt auch für Bücher und Filme.

Auch Ausgaben für Forschung und Entwicklung behandeln die Statistiker nun anders als zuvor. Bisher haben sie diese Ausgaben im volkswirtschaftlichen Zusammenhang als sogenannte Vorleistungen betrachtet, die Unternehmen bei der Produktion verbrauchen, ohne sie zum BIP zu rechnen. Jetzt betrachten die Statistiker Forschung und Entwicklung als Investitionen, die sie berücksichtigen, wenn sie das BIP kalkulieren. Die neue Methode zeichne ein akkurateres Bild, als das zuvor der Fall war, sagt Kim Schoenholtz, Professor für Wirtschaft an der New York University, und illustriert das an einem Beispiel aus der Pharmaindustrie: "Die Erforschung einer neuen Behandlungsmethode, mit der später potenziell mehrere neue Medikamente entwickelt werden können, ist vergleichbar mit der Konstruktion eines Gebäudes, das später über Jahrzehnte Mieteinnahmen erwirtschaftet." Bislang haben die Statistiker den Bau des Gebäudes als Investition in die BIP-Kalkulation einbezogen, die Erforschung neuer Behandlungsmethoden aber nicht. Letzteres hat sich nun geändert.

Die Reform hat durchaus auch kuriose Folgen. Das BIP des Bundesstaates New Mexiko etwa wird nach Schätzungen der Washingtoner Statistiker nun schlagartig um zehn Prozent zulegen, weil dort viele Forschungseinrichtungen der Rüstungsindustrie sitzen. Dagegen wird Louisiana mit seiner großen Öl- und Gasindustrie nur ein kleines Plus von 0,6 Prozent realisieren. Dass die Errichtung einer Fabrik unter dem neuen System die gleiche Wertigkeit hat wie Lady Gagas Trällern im Tonstudio, mag auf den ersten Blick irritieren. Konservative Kommentatoren spekulieren in Blogs gar über sinistre politische Motive des US-Präsidenten Barack Obama. Der versuche die amerikanische Wirtschaft durch Bilanzkosmetik größer und besser aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist. Ökonom Schoenholtz hält das für Unsinn. Die Änderungen seien vielmehr notwendig, weil sie der zunehmenden Bedeutung von immateriellen Gütern Rechnung trügen: "Es ist, wie wenn Ärzte eine bessere Durchleuchtungsmaschine bekommen. Volkswirte können nun besser erkennen, wie sich die einzelnen Teile der Wirtschaft verändern." Zudem hat die neue Berechnungsmethode Konsequenzen über die Jahrbücher für Statistik hinaus, weil sich Politiker, Unternehmenschefs, Investoren und Zentralbanker an BIP-Schätzungen orientieren, wenn sie Entscheidungen treffen.

Die Umstellung ist Teil einer internationalen Vereinbarung, für die die Statistiker seit Jahren nicht nur aktuelle BIP-Werte neu berechnen, sondern Zeitreihen bis zurück ins Jahr 1929 anlegen, um historische Vergleiche zu ermöglichen. Auch das deutsche Statistische Bundesamt wird Forschung und Entwicklung künftig in seine BIP-Berechnung einbeziehen. Im September 2014 soll es so weit sein.