Paolo Cipriani war aufgeregt. "Sehr emotional" sei dieser Moment für ihn, sagte der Mann mit den kräftigen Händen und dem mächtigen Schädel. Der Mann, der das Tagesgeschäft der Vatikanbank verantwortete, lächelte unsicher und verkündete dann, was die Journalisten von ihm erwarteten. "Wir sind für Transparenz", sagte er, die Bank kooperiere jetzt mit den Behörden, prüfe alle Konten. Know your customer – kenne deinen Kunden! Das sei das Motto.

So lange sprach Cipriani, bis ihm der Mund trocken wurde und er an dem Glas Wasser nippen musste, das ihm der Mann hinter ihm gereicht hatte: Massimo Tulli, sein Stellvertreter. Schmales Gesicht, randlose Brille, dunkler Anzug. Tulli rieb manchmal die Handflächen aneinander, blickte aber vor allem mit leerem Gesichtsausdruck ins Rund.

Es war das erste Mal, dass die Direktoren Cipriani und Tulli vor die Presse traten – damals, vor fast genau einem Jahr, in einem Raum mehrere Etagen über dem Schaltersaal der Vatikanbank. Cipriani erklärte, wie sauber die Geschäfte seiner rund 110 Mitarbeiter seien. Am Ende holte er ein T-Shirt heraus, darauf der Schriftzug "Anti-Geldwäsche-Experte". Cipriani lachte, es sollte ein Scherz sein, doch sein Auftritt war schon damals skurril – und wirkt heute wie Hohn. Am Montag dieser Woche musste der Geschäftsführer gehen, ebenso Tulli. Offiziell haben sie ihren Rücktritt eingereicht, "im besten Interesse des Instituts und des Heiligen Stuhls". So heißt es zumindest in der ersten Pressemitteilung, die das geheimnisvollste Finanzinstitut der Welt jemals herausgab.

Der doppelte Rücktritt ist nur die neuste Krise in der Geschichte der Vatikanbank, einem Krimi, dessen Schlusskapitel nun aufgeschlagen wird. In den nächsten Monaten entscheidet sich das Schicksal der Bank. Sie steht vor radikalen Reformen – oder ihrer Schließung.

Zum Verhängnis wurde Cipriani und Tulli wahrscheinlich der Fall Nunzio Scarano, eines Geistlichen, der vergangene Woche verhaftet wurde. "Wahrscheinlich", denn viele Informationen widersprechen sich noch. Offenbar hatte Scarano 2009 etwa 500.000 bis 600.000 Euro in bar – die insbesondere von einem Konto bei der Vatikanbank stammten – gestückelt an Bekannte verteilt und sich im Gegenzug Schecks geben lassen. Das riecht förmlich nach Geldwäsche durch "Don 500" oder "Monsignore 500", wie viele Scarano unter Bezug auf die angeblich von ihm bevorzugte Banknote nennen.

2012 soll der Monsignore versucht haben, 20 Millionen Euro per Flugzeug aus der Schweiz nach Italien zu bringen. Mithilfe von Codewörtern besprach er die Pläne mit zwei Komplizen am Telefon, "Buch" soll für eine Million Euro gestanden haben. "Kannst du 20 bis 25 Bücher mitbringen?", fragte Scarano in einem abgehörten und von der Justiz zitierten Gespräch. Am Ende scheiterte der Versuch kläglich. Die Frage bleibt: Wohin wollte Scarano das Geld bringen? In die Vatikanbank? Am Telefon, so heißt es, soll er sich seines guten Drahtes zur Bank gerühmt haben. Know your customer – die Vatikanbank kannte Scarano zu gut oder zu schlecht.

Angestellt war der Geistliche in der Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls im Apostolischen Palast. Dort ist der 61-Jährige schon vor mehr als einem Monat vom Dienst suspendiert worden. Monsignore Luigi Mistò, der Chef der Vermögensverwaltung, wollte am Dienstag nicht näher Auskunft geben, ihm fehle gerade die Zeit, "mit freundlichen Grüßen, Don Luigi". Der Heilige Stuhl ist aber zur Kooperation mit der italienischen Justiz bereit. Die Vatikanbank selbst hat nun eine interne Untersuchung gestartet – nachdem sie bisher keinen Verdacht gegen Scarano hegte oder hegen wollte.

7,1 Milliarden Euro von 18.900 Kunden verwaltet das Haus, das alle Vatikanbank nennen, obwohl es formal weder dem Vatikan gehört noch eine Bank ist. Das "Istituto per le Opere di Religione" (IOR), das "Institut für die Religiösen Werke", ist eine unabhängige Stiftung und bietet seine Dienste formal nur Klerikern, Orden oder auch Diözesen an. In den achtziger Jahren entsetzte es die Welt mit einem Drama, auf dessen Höhepunkt ein italienischer Banker erhängt an einer Brücke in London endete. In den neunziger Jahren pflegte das IOR ein System schwarzer Kassen. 2012 flog der Präsident, Ciprianis Vorgesetzter, hochkant raus. Neuer Präsident ist nun Ernst von Freyberg. Der Deutsche soll die von Benedikt XVI. angestoßene Modernisierung vorantreiben.

"Es ist heute klar, dass wir eine neue Führung brauchen, um die Geschwindigkeit dieses Transformationsprozesses zu erhöhen", sagte er am Montag. Freyberg plant einen Internetauftritt sowie die Präsentation eines Geschäftsberichts im Oktober. Zudem hat er eine Spezialfirma engagiert, seit Mai sind 15 ihrer Experten im Haus. Diese sollen ein Handbuch zum Umgang mit Geldwäsche erarbeiten, Computersysteme anpassen, Mitarbeiter aus der Schalterhalle trainieren – vor allem aber alle Kunden durchleuchten, 1.000 im Monat, heißt es.

Nun wird es ernst: Jüngst besetzte der Papst im IOR den Posten des "Prälaten", der dort nicht nur eine Bezeichnung, sondern ein offizielles Organ ist, mit einem Vertrauten. Da dieser Prälat an Sitzungen der Bankführung teilnimmt und zu allem Zugang hat, kann Franziskus direkte Einblicke gewinnen. Zusätzlich hat er eine Kommission ernannt, die Informationen über Status und Arbeit des IOR sammeln soll und dafür fast unbegrenzte Befugnisse erhielt. Vor allem aber informiert sie ihn direkt, abseits der bisher üblichen Wege, und überlässt ihm später sämtliches Material.

Offenbar reichen Franziskus die Bemühungen und Informationen seitens des IOR nicht aus. Ein Misstrauensvotum? Aus dem IOR klingt es anders: Die Kommission sei eine Chance, ein Sparringspartner, zudem ein Kanal zum Papst, ein Zeichen, dass dieser sich endlich der Sache annehme. In der Tat war bisher innerhalb der Kurie niemand direkt für das IOR zuständig. Ändern kann das aber nur der Papst – weshalb die neue Kommission wohl weniger ermitteln als Franziskus beraten und seine Entscheidung vorbereiten soll.

Will Franziskus die Vatikanbank schließen? Bisher beruft er sich auf Johannes Paul II. und dessen Idee von 1990, "dem Institut eine neue Struktur zu geben, während es seinen Namen und Zweck beibehält". Das klingt, als wolle Franziskus das IOR eher reformieren. Dafür sprächen die rund 50 Millionen Euro, die die Bank jedes Jahr an den Papst überweist – ein großer Teil seines Budgets. Dafür spricht, dass das Institut seinen rund 2.500 Kunden in Südamerika, Afrika und Asien wichtige Hilfe bietet. Dafür spricht, dass die katholische Kirche mit ihrem Sonderstatus und ihren Spezialinteressen vielleicht in Finanzfragen eigene Wege braucht. Cipriani sagte jüngst, eine Institution wie das IOR sei für die Kirche "existenziell". Manche fanden das anmaßend, andere richtig.

Für eine Abschaffung spricht auch vieles: Erstens der lange Schatten, den dubiose Geschäfte des IOR auf den Vatikan werfen. Die nur mühsamen Reformfortschritte. Die Frage, ob das IOR draußen in der Welt überhaupt noch eine Chance hat, seinen schlechten Ruf zu korrigieren. Sollten die Kommission und Franziskus zu dem Schluss kommen, dass eine Schließung der Bank für die Kirche mehr Nutzen bringt als Verlust, wird es so kommen. Zur Not muss der Vatikan eine neue Bank gründen, die von Beginn an den Ansprüchen der modernen Finanzwelt, aber auch den moralischen Ansprüchen einer Weltkirche genügt.

von Arne Storn