Knapp eine Woche nach dem "Volksputsch" lässt das Wogen der Menschenmassen nach. Man ist jetzt wieder Fußgänger. Und kann sich die Schauplätze des ägyptischen Dramas noch einmal erlaufen: auf der Suche nach Hinweisen, wie es weitergehen wird.

Auf der Kreuzung vor der Rabia-al-Adawija-Moschee, dort, wo die Muslimbrüder immer noch für die Rückkehr des Präsidenten Mohammed Mursi demonstrieren, hätte man jetzt gern ein Tuch für Nase und Mund. Müllhaufen dampfen in der Morgensonne, es riecht nach Urin. Es ist die endgültige Demütigung, dass die Bruderschaft, jahrzehntelang berühmt für ihr Organisationstalent, nicht einmal mehr ihren Protest würdevoll gestalten kann. Ihre Führungsebene ist festgenommen oder untergetaucht; die Basis scheint erschöpft, traumatisiert und desillusioniert zu sein.

Geradezu ziellos, wie im Halbschlaf, waren junge Männer bei Sonnenaufgang immer wieder die zwei Kilometer von der Moschee aus gen Norden marschiert, wo sie hinter den Mauern der Präsidentengarde den gewählten und nunmehr abgesetzten Mursi vermuteten. Am Montagmorgen kamen dabei über 50 Menschen ums Leben. Vom Militär kaltblütig erschossen, "als wir uns zum zweiten Mal beim Gebet verneigten", sagt ein junger Demonstrant, der sich das blutgetränkte T-Shirt eines getöteten Freundes um den Kopf gebunden hat. Womöglich wird sich nie herausfinden lassen, was an diesem Montagmorgen geschehen ist – ein Massaker oder ein Blutbad nach einem bewaffneten Angriff der Muslimbrüder, wie das Militär behauptet. Jedenfalls haben die Islamisten neue Märtyrer. Und die feste Überzeugung, dass die Demokratie nur für die anderen gilt, nicht für sie. Wer will da weiter an Wahlen glauben?

Einen Tag zuvor konnte man hier noch einen der führenden Muslimbrüder treffen. Ahmed Aref, der als Sprecher der Muslimbruderschaft ein Jahr lang im Fernsehen omnipräsent war, hatte sich unter der Bühne vor der Rabia-al-Adawija-Moschee versteckt. Ob denn niemand begreife, dass Geschäftsleute und Freunde Mubaraks die Wirtschaftskrise angeheizt hätten, indem sie Strom und Benzin verknappten. "Und jetzt plötzlich gibt er wieder Benzin und Elektrizität im Überfluss", sagte Aref. Einen Tag später war er verschwunden.

Die einst mächtigste Organisation des politischen Islams im ganzen Nahen Osten scheint fürs Erste besiegt zu sein. Und bis zum Schluss machten ihre Führer kapitale Fehler: Natürlich haben einige von ihnen ihre Anhänger zur Gewalt aufgerufen, was ihnen jetzt in Gerichtsprozessen zum Verhängnis werden kann.

Und die Sieger? Sie haben die Straßen vom Blut gereinigt. Zumindest vor dem Gebäude der Präsidentengarde, wo am Montagnachmittag eine Pressekonferenz von Militär und Polizei anberaumt ist. Sie wird live im Fernsehen übertragen.

Es ist einer der Momente, in denen man inniglichst bei den Journalisten jenen kritischen Geist zu sehen hofft, der in den Tagen zuvor Abertausende gegen die autoritäre Politik der Islamisten auf die Straßen getrieben hat. Wenigstens eine Nachfrage nach den Toten vom Morgen.

Doch bevor ein Wort gesagt werden kann, springt der Chefredakteur der staatlichen Nachrichtenagentur Mena auf. Er hält seinen Tablet-Computer wie einen Diskus in der Hand und holt aus, als würde er seinen verhassten Kollegen von Al-Dschasira erschlagen wollen. Einst die Stimme des Arabischen Frühlings, gilt der Fernsehsender aus Katar inzwischen als Kanal der Muslimbrüder. Die Journalisten beschimpfen das TV-Team als "Verräter" und jubeln, als ihre Kollegen abgeführt werden. In Ägypten gilt dieser Tage nur eine Sicht der Dinge.

Der Polizeisprecher steht in strahlend weißer Uniform vor zwei Dutzend Mikrofonen. Er sehe, sagt er stolz, den Ruf der Sicherheitskräfte rehabilitiert. Vor zwei Jahren, nach der ersten Revolution, seien Polizisten zu Unrecht wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt worden. Nun wisse das Volk, dass Polizei und Geheimdienste ausschließlich für das Gemeinwohl arbeiteten. Dann drängt sich der Sprecher des Militärs ans Rednerpult. Der junge Oberst Mohammed Ali hat eine schneidige, präzise Art zu reden. Das Blutbad vom Morgen nennt er einen Akt der Gewalt, der von Terroristen verübt worden sei. Er präsentiert Bilder, die aus einem Hubschrauber aufgenommen wurden. Ein Mann mit Bart hält eine Schusswaffe in der Hand. Die Journalisten nicken.

"Terrorismus", das ist die politische und juristische Keule

"Terrorismus", das ist die politische und juristische Keule, mit der die Muslimbrüder offenbar ein für alle Mal erledigt werden sollen.

Der vom Militär eingesetzte Übergangspräsident Adli Mansur hat am selben Tag eine unabhängige Untersuchungskommission zu dem Blutbad vor dem Gebäude der Präsidentengarde angekündigt. Wodurch sich nicht unbedingt viel verändern wird: Die von ihm verabschiedete Übergangsverfassung räumt der Armee zumindest bis zum nächsten Verfassungsreferendum in sechs Monaten auch weiterhin grenzenlose Macht ein.

Die Pressekonferenz ist zu Ende, die Sprecher von Militär und Polizei verschwinden unter dem Applaus der Journalisten hinter einem Vorhang. Eine Reporterin eilt ihnen hinterher, ruft, dass sie ihnen "als Bürgerin Ägyptens herzlich danken" wolle.

Die Straßen in Nasr City, auf denen sich die Gewalt und die Gegengewalt in den ersten Tagen dieser Vierten Ägyptischen Republik ereigneten, sind nicht für Fußgänger gedacht. Die Architektur ist vom amerikanischen Traum einer autofreundlichen Stadt inspiriert. Breite Korridore, kaum Bürgersteige. Um die übrigen Schauplätze des Dramas zu besichtigen, muss man ins Auto steigen. Dreißig Minuten dauert die Fahrt bis in die Innenstadt von Kairo, zwischendurch muss der Fahrer tanken. Vergangene Woche verbrachte er noch eine Nacht im Auto vor der Tankstelle, um an Benzin zu kommen. Jetzt ist genug Treibstoff vorhanden.

Auf dem Tahrir-Platz gibt es nicht mehr viel zu sehen. Am Sonntagabend bot das Militär dem Volk hier eine üppige Siegesfeier mit stundenlangem Feuerwerk, Flugschau und per Laser animierten Botschaften auf der Fassade eines Verwaltungsgebäudes. "Volk und Militär, Hand in Hand", stand dort grün auf grau. Die Menschen bekamen Poster von Verteidigungsminister Abdelfatah Sissi in die Hand gedrückt. Jetzt harren nur ein paar Demonstranten auf dem Platz aus. Die meisten Ägypter betrachten ihre Mission als vollbracht und haben die Verantwortung weitergegeben.

Hier in der Kairoer Innenstadt sowie auf der benachbarten Nilinsel Zamalek befinden sich die Treffpunkte der Tamarod-Initiative. In den Schaufenstern der Coffeeshops und Restaurants haben sie ihre Rebellion geplant, mit ihrer Unterschriftenaktion den Sturz von Präsident Mursi eingeleitet. Für einige von ihnen ist das Palästinensertuch offenbar das Accessoire der Wahl. Bei den vielen Interviews, die sie geben, dominieren die schwarz-weißen Karos die Optik. Doch es geht ihnen nicht um Palästina, stattdessen sprechen sie allesamt von Terroristen: Sie arbeiten auf ein Verbot der Bruderschaft hin. Die Kooperation mit den Überresten des Mubarak-Regimes ist ihnen das kleinere Übel, um, wie Hassan Schahin, Mitgründer der Tamarod-Initiative, sagt, "den faschistischen Islamismus ein für alle Mal zu besiegen".

Der deutlichste Beweis für die Rückkehr der alten Kader heißt Tahani Gebali. Mubarak hatte sie einst als Vizepräsidentin des Verfassungsgerichts eingesetzt, wegen ihrer Leibesfülle wurde sie von den Revolutionären damals als "Mubaraks Miss Piggy" bezeichnet. Mursi ließ sie gleich nach seinem Amtsantritt absetzen. Nun teilt sich Gebali mit den Tamarod-Aktivisten das Mikrofon. Als Präsidentin der "Bewegung zur Verteidigung der Republik" spricht sie vor den Kameras von einem Befreiungsschlag für Ägypten. Was war das jetzt also: Revolution mit Hilfe der Konterrevolution?

Es gibt auch moderate Töne. Sie kommen nicht wie erwartet von den liberalen Parteien rund um den Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei. Nein, ausgerechnet die ultrakonservativen Salafisten von der Nur-Partei üben sich im Rechtsstaat. Während Mursis Absetzung vor einer Woche hatte ihr Parteivorsitzender, Junis Makhiun, noch grinsend neben dem putschenden Verteidigungsminister Abdelfatah Sissi und direkt hinter Baba Tawadros, dem koptischen Papst und Patriarchen aus Alexandria, gesessen. Doch nach dem Gemetzel vor dem Gebäude der Präsidentengarde ist seine Nur-Partei wieder aus der Koalition der Nationalen Einheit ausgestiegen. Dazu mag auch die Überlegung beigetragen haben, dass ein Außenminister ElBaradei, der Favorit von Tamarod, den potenziellen Nur-Wählern und der salafistischen Basis kaum zu vermitteln gewesen wäre.

Diese Basis ist zunehmend präsent vor der Rabia-al-Adawija-Moschee, auch sie empört sich über die Schüsse auf die Muslimbrüder. Da schalten ihre politischen Repräsentanten lieber einen Gang zurück und setzen sich für die Integration der Muslimbrüder in einen nationalen Dialog ein. Die Nur-Partei hat es wirklich nicht leicht. Als sie vor sechs Monaten noch mit Mursi kooperierte, erlitt sie deswegen Streit und Spaltung. Aber mit den Putschisten zu gehen kommt auch schlecht an.

Am Ende des Tages schmerzen Füße und Kopf. Denn alles wirkt absurd: Die Muslimbruderschaft, die mit zunehmend autoritärer Klientelpolitik Ägypten in den Abgrund regierte und die nun vor der Wahl steht, als Terrororganisation oder als geschrumpfte Partei weiterzumachen, beruft sich auf die demokratische Legitimität von gültigen und international anerkannten Wahlen. Die Koalition aus Justiz, liberalen Parteien, Medien, Wirtschaftseliten, Polizei, Religionsgemeinschaften, Aktivisten und dem Volk, die alle gemeinsam zumindest die Option haben, Ägypten auf einen guten Weg zu führen, versteckt sich hinter dem Militär.

Die Revolutionäre des 30. Juni 2013 und die Konterrevolutionäre gegen den 25. Januar 2011 verlassen sich auf die Worte von Oberst Mohammed Ali: "Die Gegner Ägyptens, die Gegner der Revolution, werden ohne Rücksicht eliminiert."

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