Weltkultur in Gefahr – Seite 1

Im Vorfeld des Militärputschs gingen in Ägypten mehr Menschen auf die Straße als während der Revolution vor zwei Jahren. Und es ist keine Nebensache, dass aus den Reihen der jungen Aufständischen, die sich die Armee herbeiwünschten, auch diese Petition stammt: Das Militär solle die archäologischen Stätten schützen, die im ganzen Land bedroht sind.

Zu den Feinden des Kulturerbes zählen einerseits Plünderer, andererseits radikal-islamistische Bilderstürmer, allen voran die salafistische Al-Nur-Partei, die vor dem Putsch nach den Muslimbrüdern die stärkste politische Fraktion stellte. "Zerstört die Tempel!", riet sogleich nach der Revolution gegen Mubarak ihr Sprecher. Der "götzenhaften Verehrung" dieser "unislamischen Kultur" müsse ein Ende gesetzt und deren Reste müssten vor den Augen der Gläubigen verborgen werden. Konkret: Die archäologischen Stätten sollten dem Erdboden gleichgemacht, Skulpturen und Statuen mit einer Kalkschicht bedeckt und pharaonische durch islamische Straßennamen ersetzt werden. An den Kulturschätzen des Landes verging sich freilich bereits Mubarak in den ersten Revolutionstagen im Januar 2011. Er benutzte das Erbe der Pharaonen zur Diskreditierung des Aufstands. Die Nachricht, dass das Ägyptische Museum geplündert worden war, bestürzte die Weltöffentlichkeit. Es sollte aussehen, als hätten Revolutionäre das Tohuwabohu genutzt, um dort einzubrechen und zu rauben. Tatsächlich fehlte eine Reihe von Statuen, die bis heute nur zum Teil wieder aufgetaucht sind. Weshalb hatten aber alle Sicherheitsleute das Gebäude zum Zeitpunkt der Plünderung verlassen? Wo war die Polizei? Und warum waren später die Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras verschwunden? Die Indizien sprechen dafür, dass die Regierung die Plünderungen selbst veranlasst hatte, um der Revolution das Schreckensgesicht der Anarchie zu geben.

Aber damit nicht genug: Nachdem das Militär an der Macht war, wurden Demonstranten vom Tahrir-Platz ins Museum verschleppt und mit Elektroschocks und Peitschenschlägen gefoltert. Auch häuften sich Berichte von sogenannten Jungfräulichkeitsuntersuchungen, was nur der pseudomedizinische Euphemismus für die Schändung junger Frauen ist. Dieselbe Armee, die heute als Retterin des Landes gefeiert wird, ist für diese Dinge verantwortlich.

Als wir uns vor einigen Wochen mit Wafaa El Saddik, der ehemaligen Generaldirektorin des Ägyptischen Museums, trafen, stand ihre Meinung fest: "Nach der Revolution", sagte sie, "hat das Militär große Schande auf sich geladen. Und auf unsere Geschichte." Wafaa El Saddik ergreift Partei, aber nicht für die Armee – ihre ganze Energie gilt vielmehr ihrem Lebensinhalt: dem alten Ägypten. Und so irritiert nur auf den ersten Blick, dass sie den Putsch heute begrüßt. "Die Muslimbrüder", sagt sie, "haben nichts für den Schutz der Altertümer getan. Schon deshalb mussten sie gehen. Sie haben das Weltkulturerbe in Gefahr gebracht."

Wafaa El Saddik ist die bekannteste Archäologin des Landes. Und wer wissen will, wie es um das Erbe der Pharaonen im nachrevolutionären Ägypten steht, findet keinen besseren Gesprächspartner. Vor wenigen Wochen, in der Ruhe vor dem Sturm, trafen wir uns zum Frühstück, in einem Hotel im oberägyptischen Luxor. Das Jolie Ville liegt auf einer Insel im Nil und bietet durch Palmen und Uferschilf den erhabenen Ausblick auf das Bergmassiv von Theben. Dahinter erstreckt sich das Tal der Könige, dieses Wunderland der größten Abenteuer der Archäologie. Der Schönheitsfehler in diesem Bild? Die Ausflugsschiffe nach Assuan sind verwaist; die ökonomische Misere des Landes hat ihren Grund auch im Ausbleiben der Touristen.

Wafaa El Saddik ist eine Gestalt, nach der man nicht lange Ausschau halten muss. Über das weite, aber elegante Sommerkleid hat sie ein Seidentuch mit Paisleymuster geworfen. Und schiebt sich zur Begrüßung die Sonnenbrille ins Haar. Ein Kopftuch? Das hat sie, obwohl gläubige Muslimin, noch nie getragen, warum sollte sie es jetzt oder in Zukunft tun? El Saddik verkörpert in größter Selbstverständlichkeit einen mondänen Frauentyp, der zumindest in Kairo oder Alexandria noch vor Kurzem gar nicht selten war. Nach einigen Höflichkeitsfragen zur Anreise und Unterkunft kommt sie aufs Wesentliche, als hätte sie keine Zeit zu verlieren. Dabei werden wir uns in den nächsten Tagen noch mehrfach treffen, um die Tempel von Luxor, Karnak und Medinet Habu und eben das Ägyptische Museum in Kairo zu besuchen. Das Museum: Es ist, wenn sie in beinahe mütterlicher Sorge davon spricht, noch immer ihr Museum. El Saddik war die erste Frau, die seit der Eröffnung im Jahr 1904 an seiner Spitze stand. Dass sie den Posten im Dezember 2010 räumen musste, also just am Vorabend der Revolution, empfindet sie als bittere Volte ihrer Biografie. Die aber keine politischen Gründe hatte: El Saddik hatte mit 62 Jahren das Pensionsalter erreicht und musste daher gerade dann weichen, als das Museum allergrößter Gefahr ausgesetzt war.

Auch nach innen war Ägypten stets das Land der Altertümer

Der Titel ihres soeben erschienenen Buches (Es gibt nur den geraden Weg. Mein Leben als Schatzhüterin Ägyptens; Kiepenheuer & Witsch; 368 S., 19,99 €) deutet es an: Es gab unter Mubarak andere, krummere Wege zum Erfolg – auch im Kulturbetrieb. El Saddiks Lebensbericht zeichnet das Land als einziges Korruptistan. Als Museumsdirektorin musste sie immer wieder verhindern, dass Gelder an den Bedürfnissen des Hauses vorbeigeleitet oder überflüssige Investitionen getätigt wurden, an denen Funktionäre oder deren Freunde sich persönlich bereichern wollten. Wie aber konnte sie unter der Herrschaft der alten Eliten selbst integer bleiben? "Ich war immer unabhängig", sagt sie. Äußere Umstände haben das begünstigt. Wafaa El Saddik hat in Wien und Köln studiert, wo sie auch ihren Mann kennenlernte, einen wohlhabenden ägyptischen Apotheker. So sei sie später in Kairo nicht darauf angewiesen gewesen, ihr karges Gehalt von umgerechnet 280 Euro im Monat durch dubiose Einnahmen aufzubessern. Ihr Stammbaum führt die geistesaristokratische Tradition des Landes vor Augen: Er reicht vom berühmten Urahn Scheich Hassan I., einem Universalgelehrten des 13. Jahrhunderts, über den Urgroßvater, der an der Al-Asar-Universität von Kairo unterrichtete, zum Großvater, der als Hafendirektor von Alexandria die Sprachen der dort traditionell zusammenlebenden Griechen, Franzosen und Engländer sprach und mit einem Teleskop auf seinem Dach die Sterne studierte. Ihre Schwester, Safaa El Saddik, kontrolliert als Staatssekretärin im Wasserministerium heute landesweit die Trinkwasserqualität.

Ein Gutes hat die Touristenflaute: Sie ermöglicht den beinahe exklusiven Zugang zu weltberühmten Altertümern. Eine ägyptische Schulklasse streift durch die Ruinen von Medinet Habu, wo Wafaa El Saddik am nächsten Tag durch die Nekropole von Ramses III. führt. Vereinzelt auch ein paar britische Rentner, die letzten Unerschütterlichen. Und, natürlich: die Archäologen, die hier nun ungestörter arbeiten denn je. Wissenschaftler der Universität von Chicago erforschen die Reliefs im kleinen Tempel des Amun. Raymond Johnson, der Direktor des archäologischen Instituts seiner Heimatuniversität, begrüßt Wafaa El Saddik wie eine alte Freundin und beginnt sogleich eine Diskussion über seine jüngste Entdeckung, ein außergewöhnliches Relief, das die Nofretete in Gestalt einer Sphinx darstellt. So etwas ist selten, da Sphingen normalerweise ein Privileg der Götter und Könige sind. Nofretete aber war viel mächtiger, als es der Gattin eines Pharaos eigentlich zukam. Mit Echnaton zusammen stand sie dem monotheistischen Kult um den Sonnenkönig Aton vor, einer beispiellosen Religion, die um 1350 vor Christus in einem Bildersturm schlagartig eingeführt worden war, kurz währte und ebenso schnell wieder beseitigt wurde. Erst die Archäologie des 19. Jahrhunderts fand heraus, dass es im alten Ägypten überhaupt einen Monotheismus gegeben hatte. Echnatons Name, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann, "war aus den Königslisten gestrichen, seine Inschriften waren getilgt, seine Bauten abgerissen worden. Nichts erinnerte später an dieses revolutionäre Intermezzo, das für längstens zwanzig Jahre die ägyptische Welt auf den Kopf gestellt hatte." Wiederholt sich nun das Alte im Neuen? Das Schicksal von Echnaton und Nofretete lässt sich auch als Warnung an die jüngste Revolution verstehen, sich nicht ebenso schnell wieder aus den Annalen löschen zu lassen.

In ihrer Wohnung in einem vergleichsweise ruhigen Randbezirk von Kairo blättert El Saddik durch jahrhundertealte Bücher aus dem Familienerbe und zeigt auch einige Fotos von früher. Sie war die erste Archäologin, die in Ägypten eine Grabung leitete und wurde von ihren davon heillos überforderten Arbeitern "Pascha" genannt. Auf einem anderen Bild: Wafaa El Saddik in Amerika. Mit 27 Jahren war sie die offizielle Botschafterin der gefeierten Tutenchamun-Ausstellung in New Orleans. In Ägypten führte sie die Staatschefs der Welt durch Museen und Ausgrabungsstätten. Nicht ohne Stolz auf all das Polyglotte erinnert sich El Saddik nun an solche Begegnungen. An Margaret Thatcher, die auch in der glühenden Augusthitze von Luxor eine Eiserne Lady blieb, oder an Jimmy Carter und Anwar al-Sadat, die sich gemeinsam die Pyramiden zeigen ließen, genau wie Helmut Schmidt, der sich, wie sie erzählt, geweigert habe, den Weg von dort zur Sphinx wie üblich mit der Staatskarosse zurückzulegen (was für die Führerin auf Stöckelschuhen zur prekären Haltungsfrage wurde).

Aber auch nach innen war Ägypten stets das Land der Altertümer. Wafaa El Saddik erinnert an ein Lied der Sängerin Oum Kalsoum, das im Radio zu einer inoffiziellen Hymne der Revolution geworden ist. Es heißt Ägypten spricht für sich und preist die Pyramiden als einen alle verbindenden Schatz des Landes. El Saddik ist fest davon überzeugt, dass der Eigensinn der Ägypter auch eine Entwicklung verhindern wird, wie sie der Iran erlebt hat. "Ägypten liegt am Mittelmeer. Hier werden die Islamisten nicht im Handstreich einen Mullah installieren können. Hier wird es keinen Chomeini geben. Die Ägypter wehren sich, wenn es drauf ankommt." Wie recht sie mit dieser Einschätzung hatte, das wissen wir, Wochen später, erst jetzt.

Händler verkaufen gestohlene Kunstgegenstände sogar auf der Straße und im Café

Auf das Plündern folgte die Verwahrlosung, und es ist ein trauriger Anblick, der uns am nächsten Tag im Ägyptischen Museum erwartet. Die Direktoren, die El Saddik im Amt folgten, haben das Haus verkommen lassen. Viele Objekte, darunter solche allerersten Ranges, stehen unbeschriftet in Sälen und Gängen. Wer etwa vor einer Kopie des Steins von Rosette im Entree des Gebäudes steht, sucht vergeblich einen erläuternden Hinweis. Er muss bereits wissen, dass es eben der hier eingemeißelte Text aus Hieroglyphen, demotischen und griechischen Lettern gewesen ist, der den französischen Ägyptologen Jean-François Champollion im Jahr 1822 zur Entzifferung der ägyptischen Schrift geführt hat. Auch die Büste Champollions steht ohne jeden Hinweis da. Monumentale Statuen sind zur Hälfte in Plastikfolie gehüllt, als habe man sie nach einem Transport auszupacken vergessen, andere stehen auf hölzernen Gabelstapler-Paletten. Als sei dies ein öffentlich zugängliches Magazin. Oder als erwarteten die Pharaonen bereits ihren Abtransport: Eine aberwitzige Kopfgeburt aus Mubaraks Tagen sieht den Neubau eines hypermodernen "Grand Museum" in der Wüstenlandschaft von Giseh vor. Die prominentesten Exponate sollen dann aus dem architektonischen Herzstück Kairos herausgeschnitten werden, um in diesem abgelegenen Museumsneubau ihr Exil zu finden.

Wie viel Besseres könnte man mit dem dazu nötigen Geld nicht alles tun, klagt Wafaa El Saddik. Man könnte den wunderbaren Altbau des Ägyptischen Museums renovieren. Man könnte nach dem Abriss der ehemaligen Parteizentrale Mubaraks, die nur noch eine Brandruine ist, einen Anbau finanzieren, etwa für den Goldschatz des Tutenchamun. Schließlich gehört das Grundstück, auf dem dieser Betonklotz steht und das bis zum Nil reicht, laut Grundbuch der Altertümerverwaltung.

Der erst im Mai eingesetzte Kulturminister Alaa Abdel-Asis hatte sogleich versucht, die Kulturszene des Landes im Sinne der Muslimbrüder zu verändern, und darüber zum Beispiel die Direktorin der Kairoer Oper entlassen, weil ihm die dort gezeigten Ballettaufführungen zu freizügig erschienen. Für die schlimmen Verbrechen, die unter der Regentschaft der Muslimbrüder an antiken Kunstschätzen im ganzen Land verübt wurden, sind aber vor allem deren ruinöses Wirtschaften und die Schwächung der Polizei verantwortlich. Auf dem Pyramidenplateau von Giseh und in den Nekropolen von Sakkara, Daschur oder El-Hibe wüten bis heute die Plünderer. Sie decken sich mit Waffen ein, die über Libyen, den Sudan und die palästinensischen Gebiete durch die Wüste geschmuggelt werden und denen die vereinzelten Wächter vor Ort nichts entgegenzusetzen haben. Die Diebe öffnen Gräber und Sarkophage, und ihr Werk ist sogar auf Satellitenbildern zu erkennen, auf denen einzelne Grabfelder der durchlöcherten Oberfläche eines Schweizer Käses gleichen. Gegraben wird mit Schaufeln und Bulldozern, und schon beginnen westliche Archäologen mit einer ganz und gar fachfremden Arbeit: In El-Hibe bestatten sie die antiken Skelette, die die Verbrecher gleich haufenweise zurückgelassen haben, erneut, um dem heiligen Ort einen Rest seiner Würde zurückzugeben. Armut ist der Antrieb solcher Verbrechen. "Heute", sagt Wafaa El Saddik, "verkaufen Händler gestohlene Kunstgegenstände sogar auf der Straße und im Café." Nur die Armee, so glaubt die Archäologin, könne das Kulturerbe Ägyptens nun noch beschützen.

Obwohl Ägypten heute solche und andere Sorgen hat, kommt unser Gespräch noch einmal auf Nofretete, die Ikone der Revolution. Nur geht es diesmal um jene Büste, die von Touristen aus aller Welt in Berlin bewundert wird. Könnte man, schlägt El Saddik vor, den uralten Streit um sie nicht auch sehr einfach beenden? Nofretete bleibt, wo sie ist. Zugleich bekennt das Berliner Museum, dass es sich um eine Dauerleihgabe aus Ägypten handelt. Im Gegenzug fließt Geld: eine Art Leihgebühr, die sich durch die Erhöhung des Eintrittsgeldes um einen Euro finanzieren ließe. Dies ist ein sehr ernst gemeinter Vorschlag, von dem die Archäologin hofft, er könne Schule machen auch für umstrittene Exponate in anderen Museen. Dies dort tatsächlich zu erwägen sei keine Frage der Mildtätigkeit. Es sei eine Frage der Dankbarkeit für das in aller Welt strahlende Kulturerbe eines Landes, das heute mehr denn je um seine Zukunft ringe.