DIE ZEIT: Indien ist ein Film über eine Männerfreundschaft. Als Kulisse dient die niederösterreichische Tristesse. Warum?

Josef Hader: Wenn man in der österreichischen Provinz dreht, muss man vermeiden, dass es wie Österreich aussieht. Diese Landschaft, das Marchfeld, ist zwar Österreich, aber irgendwie anders. Die Idee war: Zwei Menschen, die sich nicht mögen, gehen sich in einer Ebene noch mehr auf die Nerven.

Alfred Dorfer: Es gibt die Szene, in der ich sage: "Herr Bösel, ich gehe." Und dann gehe ich, was sinnlos ist, weil ich immer sichtbar bin.

Hader: Was mir damals auffiel, war, dass es dort noch diese alten Gasthäuser wie aus den Fünfzigern gab. Die hatten null Tourismus, und deshalb sind die Neuerungen der Siebziger, als überall irgendwas Schiaches dazugebaut wurde, an der Gegend völlig vorübergegangen.

DIE ZEIT: Sie wuchsen in der Stadt auf, Herr Dorfer?

Dorfer: Wir wohnten zuerst sechs Jahre lang in Perchtoldsdorf, im letzten Haus in einem kleinen Tal. Das war gefühlter Urwald. Als wir mit Schulbeginn in einen Gemeindebau in Wien ziehen mussten, habe ich zu Beginn sehr gelitten.

DIE ZEIT: Sie, Herr Hader, sagten einmal, Sie hätten darunter gelitten, auf dem Land aufzuwachsen.

Hader: So schlimm war’s nicht, aber ich bin tatsächlich überzeugter Großstädter. Es gefällt mir zwar, auf dem Land spazieren zu gehen, aber ich bin froh, wenn ich wieder wegkomme.

DIE ZEIT: Was behagt Ihnen nicht?

Hader: Dorf ist für mich keine Idylle, sondern eine Horrorvorstellung. Nirgendwo wird man mehr von anderen gestört als in einem kleinen Ort. Wenn ich heimkomme, muss ich dem Nachbarn am Gartenzaun erzählen, wie der Tag war, was ich tue und vorhabe. Der Waldrand, wo der Bauernhof meiner Eltern stand, war mir aber zu einsam. Doch es gibt eine Art von Einsamkeit, wo man unter Menschen sein kann; das ist die Großstadt, das ist meines.

DIE ZEIT: In Indien gibt es die These, die Landschaft färbe auf das Essen ab. Prägt sie auch den Menschen?

Hader: Wir gastieren beide öfter in Tirol und kennen vor allem die Veranstalter. Zum Beispiel Norbert Pleifer vom Treibhaus in Innsbruck – das ist ein Bauernschädel durch und durch. Oder Hans Mutschlechner, der Chef des Ummigummi in Lienz: Da merkt man sofort, dass die Landschaft abfärbt. Wo die herkommen, gab’s freie Bauern und Knechte, die wuchsen nicht in einer hierarchisierten Lakaiengesellschaft auf wie die Bewohner Wiens. Das erklärt auch, warum es in Tirol so viele Parteiabsplitterungen gibt. Bauern organisieren sich gern kleinteiliger.

DIE ZEIT: Gibt es dort auch weniger Denkverbote?

Hader: Schon, aber sie können sich auch in ihrem Trotz verrennen. Wenn man sich umgekehrt in Wien mit einem ORF-Redakteur trifft und ein höherrangiger Redakteur dazukommt, dann merkt man, wie der untere plötzlich Stress bekommt. Ob er auch alles richtig macht, das richtige Lokal ausgesucht hat und so weiter. Da wird klar: In dieser Stadt herrschten lange die Habsburger.

DIE ZEIT: Wie provinziell ist Österreich?

Dorfer: Provinzialität ist keine Verortung, sondern eine Geisteshaltung. Wir haben einen sehr starken urbanen Provinzialismus, etwa in der Medienlandschaft. Was mir auffällt, ist, dass das Ausland in den Nachrichten keine große Rolle spielt. Wir wissen nicht einmal, wie das politische System der Schweiz genau funktioniert.

Hader: Wir sind nicht besser oder schlechter als andere Länder, aber es gibt natürlich Probleme. Wien ist eine Einwanderungsstadt, die sich immer verändert hat. Die Küche kam durch die Einwanderung, die Lipizzaner aus Slowenien und eigentlich von den Arabern. Wien nimmt gerne alles von überall, aber die Menschen der Gegenwart haben eigenartigerweise den Anspruch, dass sich nichts ändern soll.

DIE ZEIT: Trägt die Hauptstadt also ihr Scherflein zum Provinzialismus bei?

Dorfer: Was die Wiener in die Provinz raustragen, ist Provinz.

Hader: Ja, jene etwa, die im Waldviertel auf ihren Zweitwohnsitzen Toskana spielen. Oder im Salzkammergut ist es völlig normal, dass aus einem Wiener SUV Hannes Androsch in Lederhose steigt.

Dorfer: Dass die Städter rausfahren und so tun, als würden sie dazugehören, ist eine ganz anbiedernde Romantisierung. Die sagen dann: "Da hol ich mir den frischen Schafskäse, gell." Die glauben dann das Land zu spüren und fühlen sich geerdet. Das finde ich scheiße.

DIE ZEIT: Und in Wien boomen Bauernmärkte.

Hader: Irgendwer muss das Zeug ja kaufen. Die Bauern haben nämlich den holländischen Billigkäse im Kühlschrank.

DIE ZEIT: Und Sie tragen zum Vermindern der geistigen Provinz bei?

Dorfer: Das klingt, als wären wir die großen Volksbildungskasperln. Aber es ist, glaube ich, gut zu wissen, wie provinziell man selber ist. Mich stört zum Beispiel, dass dieses Nullachtfünfzehn-Deutsch in unsere Sprache einfließt. Niemand ist mehr imstande, ein differenziertes Urteil über ein Essen abzugeben. Jeder sagt, es sei "lecker". Oder in den Ö1-Nachrichten ist von "Klamotten" die Rede. Das macht mich wahnsinnig. Manche Dinge lohnen sich, festgehalten zu werden, viele aber nicht. Das ist diese Schnittstelle zwischen falschem und richtigem Konservativismus.

Hader: Was ich am Land nicht mag, ist, dass alle viel miteinander reden müssen. Trotzdem finde ich, dass man sich im Stiegenhaus grüßen soll, auch in der Stadt. Ich bin auch nicht bereit, jede Mode mitzumachen und für etwas zu bezahlen, nur weil es gerade angesagt ist. Das ist sehr provinziell. Ich nehme das Bäuerliche, von dem es viel Gutes gibt, mit nach Wien und verwende es hier. Bauern sagen auch nicht immer, es ist geil, wenn es das nicht ist. Oder sie umarmen und küssen sich auch nicht, wenn sie einander nicht mögen – so wie Künstler.

DIE ZEIT: Und sonst?

Dorfer: Wenn ich Fußball schaue, bin ich zutiefst provinziell.

Hader: Ich würde sagen: Dann bist du zutiefst Kind.

Dorfer: Danke!