Den Deutschen liegt sehr viel an ihrer Sicherheit: Als Fußgänger bleiben sie an roten Ampeln stehen, als Autofahrer schnallen sie sich an, und wenn sie für ihr Alter vorsorgen möchten, kaufen sie sich eine Lebensversicherung. Mindestens eine. 93,2 Millionen Verträge besitzen sie nach Angaben des Branchenverbands, das sind mehr Verträge, als die Bundesrepublik Einwohner hat. Dass die Lebensversicherung zum Lieblingsprodukt der Deutschen geworden ist, liegt vor allem an einem Versprechen, das sie gibt und an das sich gerade in der Finanzkrise viele Deutsche klammern wie an einen Strohhalm: dem Garantiezins. Er stellt eine Mindestrendite auf den Sparanteil sicher, also auf das, was von den Beiträgen nach Kosten übrig bleibt.

Oder besser: Er stellte sie sicher.

Seit wenigen Tagen bieten die ersten großen Lebensversicherer Policen an, die dieses Prinzip aufweichen. Marktführer Allianz und die Nummer sechs der Branche, Ergo, präsentierten kürzlich ihre Zukunftskonzepte für die Lebensversicherung. Ohne Garantiezins. Den neuen Policen fehlt der Strohhalm, und an seine Stelle tritt nicht viel: bloß die vage Aussicht auf höhere Renditen, die Anleger als Ausgleich für das höhere Risiko bekommen – oder eben nicht. Wer die Unterlagen zu den Produkten durchblättert, in denen wenig zufällig und einlullend oft die Begriffe "Garantie" und "Sicherheit" stehen, der vergisst leicht, dass es im Grunde um das Gegenteil geht: um die Abschaffung des Garantiezinses.

Betroffen sind allein neue Verträge, es geht also um Kunden Anfang dreißig, Berufsanfänger, die heute vergeblich nach einem Altersvorsorgeprodukt suchen, wie ihre Eltern es noch kannten. Nicht mehr lange, dann werden andere Firmen mit Angeboten nachziehen, die denen von Allianz und Ergo ähneln. Es ist daher gut möglich, dass die gewohnte Mindestrendite bei Lebensversicherungen schon in ein paar Jahren Geschichte sein wird. Der Schritt von Allianz und Ergo ist daher vor allem eines: eine Zäsur. Der Beginn einer neuen Zeit in der Altersvorsorge der Deutschen.

Noch in den neunziger Jahren betrug der Garantiezins stolze vier Prozent. Aktuell liegt er bei 1,75 Prozent und schützt somit kaum mehr vor der Inflation; jedes Jahr kann eine Gewinnbeteiligung hinzukommen, je nachdem wie gut der Versicherer das Geld seiner Kunden angelegt hat. Die sogenannte laufende Verzinsung liegt derzeit im Schnitt bei 3,6 Prozent. Der Garantiezins bleibt stets die Grenze, die das Unternehmen nicht unterschreiten darf.

Er beruhigt die deutschen Anleger. Den Konzernen aber bereitet er zunehmend Sorgen.

In zwei Zahlen steckt ein wichtiger Teil der Erklärung, warum das so ist: Im Jahr 2008 fuhren alle deutschen Lebensversicherer zusammen 9,5 Milliarden Euro an Zinsgewinnen ein. 2011, also nur drei Jahre später, war diese Zahl auf gerade einmal 5,2 Milliarden Euro zusammengesackt. Die Ziffernreihe der Finanzaufsicht endet an dieser Stelle, doch die heutigen Zinsgewinne dürften noch niedriger liegen.

Grund für die hohen Einbußen in der Kapitalanlage sind die Notenbanken, die ihre Leitzinsen seit Beginn der Finanzkrise weltweit auf beinahe null abgesenkt haben, um die Weltwirtschaft in Gang zu halten. Als eine Art Kollateralschaden sind auch die Renditen festverzinslicher Wertpapiere gefallen, mickriger als heute können sie kaum sein. Festverzinsliche Wertpapiere wie zum Beispiel Staatsanleihen machen heute aber rund 90 Prozent der 769 Milliarden Euro Kapitalanlagen deutscher Lebensversicherer aus. Wer über Jahrzehnte Geldflüsse planen muss, wer regelmäßig ganz bestimmte Beträge auszahlen muss, landet immer wieder bei Anlagen, die sicher sind und regelmäßig Geld abwerfen. Aktien oder spekulative Wertpapiere kommen kaum infrage.

Ein Ende der Niedrigzinsphase ist in Europa in weite Ferne gerückt, seit die Europäische Zentralbank vergangene Woche klargemacht hat, dass die Zinsen bis auf Weiteres niedrig bleiben.

Nun ist es so, dass die Versicherer hoch verzinste Anlagen aus früheren Jahren besitzen. Diese laufen aber nach und nach aus. Doch wie legt man heute das frei werdende Geld rentabel an? Denn gleichzeitig liegen die versprochenen Garantiezinsen im Durchschnitt aller Kunden bei etwas mehr als drei Prozent. Das will erst einmal erwirtschaftet sein in Zeiten, in denen deutsche Staatsanleihen nur 1,5 Prozent im Jahr abwerfen und andere Papiere nicht viel mehr. Zwar weichen viele Versicherer zunehmend auf riskantere, dafür lukrativere Anlagen wie Immobilien oder Infrastruktur aus. Dennoch fällt es den meisten immer schwerer, die Renditen, die sie ihren Kunden zugesagt haben, zu erzielen. Deshalb scheuen sie sich vor weiteren Zusagen.