Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Zwischen Deutschland und der Schweiz hat es in der Vergangenheit einige Male Spannungen gegeben, weil Deutsche ihr Geld in der Schweiz vor dem deutschen Finanzamt verstecken. Das weiß jeder, sogar ich. Mir war aber unbekannt, dass immer mehr Deutsche auch ihre Leichen in der Schweiz verstecken, besser gesagt ihre Asche.

Zuerst wird die verstorbene Person in Deutschland ganz normal eingeäschert, bei einem Bestatter, der mit einem Schweizer Spezialisten für deutsche Asche zusammenarbeitet. Die Urne wird an den Spezialisten übergeben, der sie in die Schweiz schafft. Das ist legal. Die Familie hat bei dem Spezialisten einen anonymen Beisetzungsplatz auf einer Bergwiese gekauft. Die deutschen Leichenüberwachungsbehörden denken, aha, diese Urne landet in der ausländischen Wiese. Sie ist einer ordnungsgemäßen Endlagerung im Sinne der deutschen Bestattungsgesetze, Paragraf 82c, Fassung von 1955, Abschnittb, zugeführt. Diese Urne können wir abhaken.

In Wirklichkeit aber reist ein Familienmitglied in die Schweiz, wo der Spezialist ihm oder ihr die Urne diskret übergibt. Das ist ebenfalls legal. In der Schweiz darf man Urnen an Hinterbliebene übergeben. In Deutschland dagegen gehört meine Asche der Regierung. Das Familienmitglied schmuggelt die Asche zurück nach Hause, sei es Herne oder Koblenz, wo sie im Garten oder auf dem Kamin ihren Platz findet. Diese von libertärem Denken geprägte Dienstleistung gibt es bereits für 1975 Euro.

Der deutsche Satz "Ich habe meine Asche in die Schweiz geschafft" ist also zumindest zweideutig. Wenn an der Schweizer Grenze ein Deutscher wegen seiner prallen Aktentasche auffällt, dann muss sich in der Aktentasche kein Geld befinden, es könnte sich auch um den Großvater handeln. Ich halte das für einen Filmstoff. In dem Film reitet die deutsche Kavallerie unter Peer Steinbrück in der Schweiz ein, um dort die Urne des Großvaters zu suchen und wegen Aschenhinterziehung zu verhaften. Interessanterweise bleiben nämlich auch viele deutsche Urnen in der Schweiz, vermutlich, weil dort die Urnenbestattungsgesetzgebung eher liberal ist. Für die Mühe, die das Sterben bereitet, wirst du vom Schweizer Staat mit Laisser-faire belohnt.

Im Wallis, im Wald von Eringertal, liegen bereits 350 tote deutsche Bestattungsrechtsflüchtlinge. Weitere 500 Bestattungen stehen an. Es gibt aber Widerstand in der Bevölkerung, vor allem bei der konservativen Partei CVP. Man befürchtet Überfremdung durch Aschenasylanten. Das ist nämlich die Schattenseite der Schweiz: Sie denken freisinnig, gewiss, aber Ausländer sind nicht immer gern gesehen, sogar in einem so reduzierten Zustand. Falls eine CD mit den Namen der Aschenhinterzieher auftaucht, tippe ich auf die CVP als Quelle.

Das Unternehmen Oase der Ewigkeit, Sitz: Grevenbroich, lässt die Asche von Deutschen auf der Schweizer Seite des Bodensees im Wasser verstreuen. Auf der deutschen Seeseite ist dies natürlich verboten. In einer eidgenössischen Zeitung stand: "Jetzt verschmutzen die Deutschen auch noch den Bodensee." Wenn man sich eine Sekunde lang vergegenwärtigt, wie viele Vögel aus allen Nationen täglich ihren Kot über dem Bodensee abladen, durchschaut man sofort den fragwürdigen Hintergrund dieses Arguments. Und dabei haben wir noch nicht über den Fischkot geredet und darüber, dass auch Fische keineswegs unsterblich sind. Die Einbringung eines Gesetzes gegen das unangemeldete Versterben von Kleintieren im Bodensee würde ich allerdings eher den Deutschen zutrauen.

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