Die Schriftstellerin Arundhati Roy, Indiens Kassandra, hatte schon lange vor einer Katastrophe an den Flussläufen im Himalaya gewarnt. Nun ist das Unglück eingetreten, wie programmiert – mit dem alljährlichen Monsunregen. Im Juni ließen die indischen Behörden wie üblich über hunderttausend Pilger die engen Bergtäler des Ganges hinauf zu den heiligen Schreinen der Hinduisten in über 3.000 Meter Höhe ziehen. Als der Regen in diesem Jahr wie erwartet besonders früh einsetzte, traf er die Pilger mit aller Macht, brachte nachlässig gebaute Straßen und Wege ins Rutschen, spülte eilig gerodete Berghänge in die Tiefe, brach Brücken und Dämme. Erst jetzt, drei Wochen später, bestätigten die Behörden die Zahl von 4.000 Toten. Lokalzeitungen sprachen sogar von 15.000, das Parlament des betroffenen Bundesstaats Uttarakhand von immer noch 10.000 Opfern.

Doch wen, außer den Angehörigen, interessierte das noch? Was zählen in Indien 4.000 Tote oder möglicherweise 10.000? Jedes Jahr lässt der indische Staat zwei Millionen Frauen aus Gründen sterben, die mit ihrer Diskriminierung zusammenhängen – die Benachteiligungen und Grausamkeiten reichen von schlechterer Ernährung und Gesundheitsversorgung bis zur Ausgrenzung von Witwen oder zur selektiven Abtreibung weiblicher Föten (ZEIT Nr. 13/13). Der Staat unternimmt seit Jahren keine neue Initiative gegen den Hungertod von jährlich 1,7 Millionen Kindern unter sechs Jahren. Schon scheint die Monsunkatastrophe im Himalaya für Politik und Medien des Landes wieder vergessen zu sein. Denn sie bestätigt im Grunde nur ein politisches System, das die Existenzsicherung seiner Bürger sträflich vernachlässigt. Und daran hat man sich gewöhnt. Indiens Demokratie wird heute von einem in seinen Ausmaßen kaum vorstellbaren Staatsversagen beherrscht.

"Unser Gewissen ist rein, unsere Bilanz ist sauber, unsere Absichten sind gut", hatte vor einigen Monaten die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, ihren Anhängern auf einer Kundgebung in Delhi zugerufen. Seit Jahren pflegen Gandhi und ihre Partei die Illusion von Indien als globalem Aufsteiger, als neuer Weltmacht auf der Augenhöhe Chinas und des Westens, als erfolgreicher Demokratie. Auch die westliche Politik ist nicht immun gegen diese Täuschung. Doch in Indien sterben heute Tausende in einer Katastrophe und Millionen im Alltag, ohne dass die Welt weiter davon Notiz nimmt.

Natürlich ist nicht aller Fortschritt Illusion. Indien bleibt ein faszinierendes Land. Die Fortschrittsmischung aus bunten Göttern, Bollywood und Software ist einmalig. Auch gab es echte Erfolge. Das Land hat 1991 den hausgemachten Nehru-Sozialismus abgestreift und sich der Weltwirtschaft geöffnet. Es folgten Jahre schnellen Wachstums. Indien avancierte zum neuen, guten Tigerstaat. Doch schon damals schlich sich Übermut ein. Asien schien nach Japan und China sein drittes großes Wirtschaftswunder zu erleben. Westliche Strategen jubelten: Endlich hatten sie ein demokratisches Gegengewicht zu China gefunden. Vom shining India, dem "glänzenden Indien", war die Rede. Wer daran zweifelte, war ein Spielverderber.

Inzwischen ist die Euphorie verflogen. Die Wirtschaftsdaten zeigen vielmehr ein Land im rasanten Abstieg. Die Inflation war jahrelang fast zweistellig, die Währung wird derzeit immer schwächer. Dazu kommen ein erdrückendes Handelsbilanzdefizit und eine erhebliche Staatsverschuldung. Gemessen am Bruttosozialprodukt, liegt Indiens Haushaltsdefizit derzeit bei 9,5 Prozent – mehr als in Griechenland oder Spanien. Da sind die prognostizierten rund fünf Prozent Wachstum, so gut sie für westliche Ohren klingen, einfach zu wenig. Einige Rating-Agenturen warnen bereits, dass sie Indiens Bonitätsnote von derzeit "BBB minus" auf Ramschstatus herabstufen könnten. Kommt das Reich der Gandhis auf das Niveau seiner kleinen Nachbarn herunter: die Massen arm wie in Bangladesch, die Eliten korrupt wie in Pakistan?

Geblieben in all den Jahren ist die existenzielle Armut, in der über 80 Prozent der Bevölkerung leben. Dafür sorgt eine Politikerklasse, die sich seit Jahrzehnten selbst bereichert, aber unfähig ist, die Bedingungen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum, sozialen Fortschritt oder auch nur den Katastrophenschutz zu schaffen. Seit der wirtschaftlichen Liberalisierung 1991 sind über 40 Millionen indische Kinder an Mangelernährung gestorben. Das sind wesentlich mehr Opfer, als China in den Jahren seiner schlimmsten Verfehlungen unter Mao während des Großen Sprungs zählte. Nirgendwo hat so viel Wachstum den Armen so wenig genützt wie in Indien, hat der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen berechnet.

Sie konnten dafür am Fernseher mitverfolgen, wie die Elite im eigenen Land wilderte. Seit 2010 jagt eine Korruptionsenthüllung die andere. Die Commonwealth-Spiele in Delhi waren ein staatliches Desaster, ihr Chef musste ins Gefängnis. Kurz darauf überführte der Rechnungshof fast die gesamte Telekom-Branche der Korruption. Der zuständige Minister wanderte ebenfalls für eine Weile hinter Gitter. Vor einem Jahr enthüllte der Rechnungshof, dass der Staat 155 Kohleminen an die größten Konzerne des Landes verschenkt hatte – die Gegenleistungen blieben im Dunkeln. Die Konzerne entfachten keinen neuen Kohleboom, denn sie kamen an die Reserven nicht heran. Die Aufstände maoistischer Rebellen, die Ministerpräsident Manmohan Singh als wichtigste Sicherheitsherausforderung für Indien bezeichnet, hatten sich inzwischen auf ein Drittel des Territoriums ausgedehnt.